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Markus Reuter - "100% Touch-Gitarrist"

Stick Men oder The Crimson Projekt heißen die Bands, in denen Markus Reuter seine Affinität für Progressive Rock auslebt. Das Instrument, das Reuter spielt, ist für viele Musikhörer immer noch Neuland – Reuter ist ein Verfechter der Touchguitar.

Markus Reuter

Sein spezielles Modell nennt sich "U8" - und was für wohlgesonnene Berliner nach der berühmt-berüchtigten U-Bahn-Linie zwischen Neukölln und Reinickendorf klingt, weist als Instrument so manche Besonderheit auf. Lassen wir Markus Reuter selbst zu Wort kommen…

Carina Prange sprach für Jazzdimensions mit Markus Reuter

Carina: Du komponierst, produzierst und arbeitest in einer ganzen Reihe von Projekten, nicht zu vergessen deine eigenen. Was steht für dich momentan im Mittelpunkt?

Markus: Der Fokus für mich als Person entwickelt sich in Richtung "zeitgenössischer" Komponist, was auch meiner Vision für meine Zukunft entspricht. Zu dieser Richtung gehört auch unverändert meine Band Centrozoon, mit der wir immer wieder neue Wege gehen. Stick Men und The Crimson Projekt sind Bands, bei denen ebenfalls die Weiterentwicklung offen ist. Dort ist noch einiges an Überraschungen möglich!

Markus Reuter

Carina: Spielst du eigentlich noch "richtige" Gitarre, oder bist du komplett auf die Touchguitar umgeschwenkt? Ist es ein Instrument, dem man sich richtiggehend verschreiben muss, oder geht das "nebenbei"?

Markus: Die normale Gitarrenspieltechnik benutze ich auch, bin darin aber nicht sonderlich gut. Es reicht aber fürs Studio und für einfache Parts. Ich habe mich tatsächlich der Touch Guitar zu 100% verschrieben, da es ein sehr herausforderndes Instrument ist.

Mir macht es auch sehr viel Spaß, mich intensiv damit zu beschäftigen. Ich spiele es mittlerweile schon seit zwanzig Jahren, und fühle mich immer noch als Anfänger!

Markus Reuter

Carina: Die Warr Guitar, die du auf "Digitalis" (2001) eingesetzt hast, war sie ein Vorbild für die Touchguitar, die du gemeinsam mit Ed Reynolds entwickelt hast, oder geht diese unabhängig davon ebenfalls auf den Chapmanstick zurück – der ist ja noch rund 15 Jahre älter? Und was ist das Besondere an der Touchguitar, verglichen mit dem Chapmanstick oder der Warr?

Markus: Es handelt sich um dieselbe Instrumentenfamilie, also dieselbe Idee. Mein Instrument unterscheidet sich aus meiner Sicht trotzdem grundlegend von den anderen, weil mein Design auf der Idee der Spieltechnik ansetzt, aber dann komplett aus der Praxis eines professionellen Spielers entwickelt wurde. Das ist bei den anderen Herstellern nicht der Fall.

Mit der U8 – das ist die Modellbezeichnung – wurde zum ersten Mal ein Instrument dieser Art aufgrund der Ergonomie entworfen, das aber trotzdem voll und ganz auf traditionellen Werten des Gitarrenbaus basiert!

Stick Men - "Deep"

Carina: Ist die Touchguitar für Gitarristen zugänglicher als der Stick?

Markus: Die U8 ist Gitarristen sehr zugänglich, da alle normalen Spielweisen hundertprozentig funktionieren. Es handelt sich im Prinzip einfach nur um eine etwas größere E-Gitarre.

Carina: Du unterrichtest ja die Touchguitar auch...

Markus: Ja, und ich bin auch der erste, der die Spieltechnik systematisiert hat. Es ist nun möglich, das Instrument zu lernen, ohne alles erst selbst erforschen zu müssen. Seit Mitte der 90er Jahre habe ich mit einer Gruppe von anderen Spielern eine Art von "Tradition" entwickelt, die wir in Seminaren und Einzelunterricht weitergeben. [Info dazu gibt es unter www.touchguitarcircle.com]

Carina: Obwohl das Spielkonzept inzwischen fast 50 Jahre alt ist (wenn man ab den frühen Zeiten des Sticks rechnet), führt es immer noch ein Nischendasein. Braucht man da Missionsgeist?

Markus: Das Nischendasein führe ich darauf zurück, dass es jahrzehntelang keine Tradition gab, und sich auch nicht entwickelt hat, weil die körperliche - aber auch die mentale - Ergonomie der "guten Idee" nicht korrekt in ein Instrument umgesetzt wurde.

Außerdem hat beispielsweise der Stick so einen "Coolnessfaktor", dass viele Leute denken, es reiche, so ein Instrument zu besitzen. Diese Kombination aus mangelhafter Umsetzung und falscher Erwartung führt zu einer absurden Situation, wo die Leute sich vieles schönreden müssen. Da ist dann tatsächlich extrem viel Missionsgeist von Nöten, wobei sich die Verkrampftheit nun langsam zu lösen beginnt.

Carina: Wie kam eigentlich der Kontakt zu Tony Levin zustande, und wie entstand das Projekt Stick Men?

Markus: Der Kontakt kam über Pat Mastelotto, mit dem ich schon seit 2005 als TUNER zusammenarbeite, und über eine Empfehlung vom California Guitar Trio.

Die Stick Men gab es schon vor mir. Ich habe den dritten Mann ersetzt, bin aber mittlerweile schon viel länger dabei als er. Wir haben in den letzten zweiJahren drei Alben veröffentlicht, auf vier Kontinenten getourt und entsprechend viele Konzerte gespielt – fast 200!

Markus Reuter

Carina: Verglichen mit anderen deiner Projekte ist Stick Men recht heavy. Wer ist der Motor hinter dem Sound?

Markus: Der Sound entsteht durch die Kombination unserer Charaktere. Übrigens ist der "heavy" Sound auch ursprünglich von Tony als Ziel definiert worden! Es freut mich, dass wir das erreicht haben, ohne aber darüber nachzudenken. (lacht)

Der Produzent Machine, mit dem wir für das Album "Deep" gearbeitet haben, ist einer der großen Player im Bereich "heavy"; wir haben ihn aber eher wegen seiner Musikalität ausgesucht. Er hat auch das letzte King Crimson Album "The Power To Believe" aus dem Jahr 2003 produziert.

Carina: Ist die Musik der CD auch live in Triobesetzung reproduzierbar?

Markus: (lacht) Wir reproduzieren die Songs alle live, das ist kein Problem! Pat benutzt viel Live-Elektronik und triggert Loops und Samples und sowohl Tony als auch ich können ja bei Bedarf beide mehr als nur einen Part spielen.

Außerdem geht es für uns bei Konzerten nicht darum, den Album-Sound exakt nachzustellen. Wir haben Spaß an der ständigen Entwicklung und Neuinterpretation.

Carina: Bleiben wir beim Live-Aspekt – wie kommt das Projekt auf der Bühne an?

Markus: Auf der Bühne – also für uns – ist es super! Und es scheint mir auch so, als wenn das Publikum es liebt. Ich vermute, dass das direkte Live-Erlebnis es dem Zuhörer einfacher macht, sich auf die Musik einzulassen. Wir gewinnen bei unseren Konzerten regelmäßig neue Fans und kriegen viel Fanpost.

Stick Men

Carina: Ist es für das die Leute nicht zum Teil schwer nachzuvollziehen, wer gerade welchen Part übernimmt?

Markus: Das kann sein. Wir versuchen aber die Aufteilung, soweit es geht, konsequent durchzuziehen. So spielt Tony meistens den Bass-Part und ich die Lead-Parts.

Carina: Und wie "rockt" man auf einer Touchguitar?

Markus: Das funktioniert erstaunlich gut. (lacht) Der Schlüssel ist auch hier, entspannt zu spielen. Denn dann produziert man den meisten Druck! Stick Men ist eine sehr laute und energetische Band und Pat und Tony sind absolute Legenden auf ihren Instrumenten…

Carina: Was möchtest du deinen Hörern vermitteln, einfach einen coolen Sound? Oder ist da auch eine Botschaft?

Markus: Ich möchte den Hörern eine neue Hörerfahrung, etwas Neues zum Entdecken anbieten. Ich selbst bin ständig auf der Suche. Und ich möchte durch meinen eigenen Output anderen Menschen die Möglichkeit geben, "zu finden".

Carina: Hast du so etwas wie eine Lebensphilosophie?

Markus: Das ist eine große Frage, über die wir stundenlang reden könnten. Wichtige Stichpunkte sind Respekt, Ehrlichkeit, Authentizität, und Forschungsdrang.

Carina Prange

CD: Stick Men - "Deep" (Unsung Records)

Markus Reuter im Internet: www.markusreuter.com

Unsung Records im Internet: www.unsung-records.com

Fotos: Pressefotos

© jazzdimensions 2013
erschienen: 15.8.2013
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