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Unterbiberger Hofmusik - "Auf musikalischer Reise…"

In Oberbayern, in einer kleinen Ansiedlung umgeben von dörflichem Charme, erwartet man als Besucher durchaus, dass eine dort ansässige musikalische Familie traditionell bayrische Volksmusik spielt – Blasmusik mit Trachtenkleidung halt. Weniger rechnet man damit, in besagter, real existierender Familie eine fruchtbare Keimzelle genreübergreifender, internationaler Projekte zu finden…

Familie Himpsl

Der Ort, von dem hier die Rede ist, heißt Unterbiberg, die Familie heißt Himpsl und ihr Projekt ist die "Unterbiberger Hofmusik". Ihr jüngstes musikalisches Abenteuer (von denen sie schon so einige hinter sich hat) heißt "Bavaturka" und ist ein Amalgam aus bayrischer und türkischer Volksmusik, in internationaler Zusammenarbeit mit türkischen Musikern entstanden. Auch das Cover des Albums gibt sich bayrisch-türkisch – auf blauem Hintergrund spielen sich zwei bayrische Löwen gegenseitig Halbmond und Stern zu – eine gelungene bildliche Paraphrase des musikalischen Inhalts. Und der ist zünftig.

Carina Prange sprach für Jazzdimensions mit Franz Josef und Xaver Himpsl von der Unterbiberger Hofmusik

Carina: Franz Josef, eine komplett bläser- und gesangslastige Familie – das klingt nach Hausmusik, bayrischer Gemütlichkeit und als wenn es ansteckend wäre… Wie kam es, dass wiklich deine gesamte Familie Begeisterung für das Musizieren entwickelte?

Franz Josef: (lacht) Es hat Zeiten gegeben, da konnte nicht mal der Kaminkehrer in unser Haus gehen, ohne dass er zum Hören eines "Standerls" der Söhne genötigt wurde. Und das war nur ganz am Anfang meine Idee! Dann wurden die Geburtstage aller Verwandten und Bekannten zur Motivation eines neuen Liedes genützt. Ja und mit der Zeit ergibt sich ein kleines Programm – und dann kam immer wieder der Einfluss unserer musikalischen Gäste zum Tragen und die Spirale drehte sich in die richtige Richtung.

Rob Pronk – einer der größten Jazzkomponisten unserer Zeit, der kürzlich verstorben ist – kam nach einigen Jahren extra wieder bei uns vorbei, um zu hören, was die Söhne inzwischen spielen können. Daraufhin schrieb er, sozusagen maßgeschneidert für die beiden, für uns das Stück "Midnight Zwieback", bei dem die Trompete und das Horn im Zwiegespräch sind – zu hören auf der CD: "Made in Germany".

Dass Familienmusik mit "Amateurmusik" gleichgesetzt wird, ist ein gewisses Handikap, was sich aber nach dem ersten Livekonzert bei den Zuhörern (hoffentlich) zerstreut.

Unterbiberger Hofmusik

Carina: Worin liegen Stärken eines "musikalischen Familienverbandes"?

Franz Josef: Es gibt die Bands oder Formationen, die sich aus dem Beruf ergeben – aus den Blechbläsern der Münchner Philharmoniker der Blechschaden, aus einigen der besten klassischen Blechbläser Deutschlands ergibt sich German Brass. Oder man schreibt ein Programm und sucht sich die entsprechenden Musiker – wie Matthias Schriefl bei seinem neuen Projekt Six, Alps & Jazz (ACT Music). Wir haben dieses Prinzip umgekehrt – alle, die da sind, spielen mit.

Das Programm wächst mit den Fähigkeiten der Familie, man schreibt genau für dieses Ensemble. Dabei kommt mir zu Gute, dass ich jahrelang als Schulmusiker tätig war und wir das Programm selbst zusammenstellten, also die Kinder so einbauten, dass immer ein Erfolgserlebnis da war. Inzwischen hat bei unserem Projekt jedes Familienmitglied seine feste Aufgabe. Unsere Mitstreiter und internationalen Gäste halten uns die Treue, bringen sich musikalisch und pädagogisch ein und so weitet sich zwangsläufig der Horizont.

Ludwig Maximilian Himpsl

Carina: Wie bist du seinerzeit zum Trompetenspiel gekommen?

Franz Josef: Nach der Grundschule war ich vier Jahre im Klosterinternat bei den Benediktinern. Das Klosterleben war im Nachhinein gesehen sehr streng. Beispielsweise war es nicht erlaubt, nach dem Abendgebet bis zum Morgengebet ein Wort zu sagen. Es gab kein Radio, keine Stereoanlage, schon gar keine tragbaren Geräte wie heute. Aber es gab viele Klaviere, zwei Orgeln und auch Streichinstrumente!

Das Wichtigste aber in dieser Zeit war die "Schola", ein Knabenchor, der zusammen mit den Mönchen gregorianische Choräle in der Kirche singen durfte – für mich war es der Himmel! So kam ich über Klavier, Orgel und Geige zur Trompete. Mit der Zeit merkte ich, dass der Charakter der Trompete mehr dem meinen entspricht.

Meine Faszination für die Trompete könnte aber auch folgenden Grund haben: Schon in frühester Kindheit wurde mir öfters die Geschichte erzählt, dass ein Bruder meines Großvaters mütterlicherseits kurz vor dem ersten Weltkrieg nach einer tätlichen Auseinandersetzung mit dem Dorfgendarm Hals über Kopf das Land verlassen musste und nach Amerika ausgewandert ist. Angeblich hatte er nichts wie den neuen Anzug meines Großvaters und eine Trompete dabei…

Unterbiberger Hofmusik - "Bavaturka"

Carina: Du hast also eine klassische Ausbildung. Woher kommt dein Eintreten für die Volksmusik?

Franz Josef: Das kam mit dem Eintreten des brasilianischen Jazztrompeters Claudio Roditi in mein Musikerleben: Als erstes lehrte er uns, auf unsere musikalischen Wurzeln stolz zu sein – so wie er auf seine brasilianische Volksmusik stolz ist, oder seine farbigen Freunde auf den Blues! Das war leichter gesagt als getan: Zu meinen Studienzeiten wurde noch ziemlich verächtlich auf die bayerische Volksmusik herabgeschaut…

Mein Vorwurf ist, dass sich eben genau die Hochschulen und die klassischen zeitgenössischen Komponisten überhaupt nicht um die Volksmusik gekümmert haben – vielleicht wäre uns sonst dieser absurde volkstümliche Ausverkauf à la Moik und Silbereisen erspart geblieben.

Carina: Was gab den Anlass für eure Forschungsunternehmen? Hätte man es nicht bei "normaler" Volksmusik belassen können?

Franz Josef: Wir sind in erster Linie ausgebildete klassische Musiker. Aber bei Festen, Hochzeiten und Geburtstagen ist das Spielen "aus dem Hut", also auswendig, wesentlich unkomplizierter. Als Student habe ich gerade in Oberbayern in verschiedenen Gruppen einiges zu tun gehabt! Auch das Spielen für Volkstänze gehörte dazu.

Da diese Veranstaltungen meist von Trachtenvereinen organisiert werden und diese "die Tradition" ziemlich restriktiv verstehen, war meine Volkstanzmusiker-Karriere auch schnell beendet. Ich hatte in diesem Fall die Musiker organisiert und war für die Musik verantwortlich. Auch Studienkolleginnen und -kollegen waren zu diesem Volkstanz gekommen, wollten mittanzen, waren aber nicht in Lederhose oder Dirndl gekleidet, sondern in Jeans und T-Shirt.

Wir hatten dann eine öffentliche Auseinandersetzung, bei der ich erzwingen wollte, dass meine Freunde mittanzen dürfen. Es war aber nichts zu machen, sodass wir nach einer halben Stunde unter Protest aufhörten zu spielen. Was natürlich einen Eklat verursachte! Wir verließen Hals über Kopf unter Androhung von Schlägen den Saal über den Hinterausgang und ließen ein paar Hundert verdutzte Volkstänzer zurück. Das war mein letzter "offizieller" Volkstanz.

Franz Josef Himpsl

Carina: Bedeutet das Zusammentreffen mit Musikern anderer Länder und Kulturen, sich einerseits auf sich zu besinnen, gleichzeitig aber offen auf andere Musikstile und Traditionen zuzugehen? Was für Voraussetzungen muss man für ein solches Unterfangen mitbringen?

Franz Josef: Das Wichtigste ist ein großer Respekt, wenn nicht gar ein wenig Ehrfurcht vor dem Gegenüber, persönlich wie musikalisch. Aber auch wiederum keine Angst! Man merkt natürlich auch, dass es dem Gegenüber irgendwie ebenso geht, und dann sollte derjenige spüren, dass man es ehrlich meint.

Es entsteht eine Art Seelenverwandtschaft. Wie Menschen, die eine längere Reise hinter sich haben, bekanntermaßen anders auf die Heimat schauen, so denke ich, ist es auch in der Musik. Andererseits ist hinter jeder Tür die man öffnet, wieder ein Fenster in eine neue Welt … schau, da geht's weiter! Und man empfindet etwas wie Demut, wird man sich dann seiner eigenen Beschränktheit bewusst.

Carina: Was waren eure Erwartungen im Vorfeld für dieses Projekt "Bavaturka" und was hat euch dann doch total überrascht?

Franz Josef: Da muss ich doch über den Austausch einer türkischen Schule aus Izmir und meiner damaligen Realschule erzählen… Bei einer Konzertreise der "Hofmusik" nach Izmir wollte ich unbedingt eine türkische Schule besuchen. Auf Empfehlung kamen wir in das öffentliche Isilay Saygin Musikgymnasium in Buca. Wir waren beeindruckt vom hohen Niveau der Schüler, gerade in der türkischen Volksmusik.

Man erzählte uns aber, nein, hier stehe die klassische Musik im Vordergrund! Als uns dann der Schulchor "Locus Iste" von Anton Bruckner, das "Ave Maria" von Rheinberger und einen Choral von J. Seb. Bach darbot, traute ich mich zu sagen, dass ich mich für einen Schüleraustausch mit meiner damaligen Schule einsetzen werde. Kein der dortigen Schüler, und auch kein Lehrer, war jemals in Deutschland gewesen – kaum vier Monate später kamen in München dreißig Schüler und Lehrer an…

Da ich nicht wusste, ob jemand Deutsch oder wenigstens Englisch sprechen würde, konnte ich die Nacht vorher nicht schlafen. Ich bereitete einen "Jodler" zum Kennenlernen vor, holte mit einer kleinen Abordnung den türkischen Chor vom Flughafen ab und drückte allen im Bus die Noten in die Hand. Es wurde sofort sehr ernsthaft daran gearbeitet, ganz so, wie wenn dieser Jodler die Einreisegenehmigung wäre… Bis wir dann im Schullandheim unsere Schüler trafen, war das Stück schon zigmal gesungen und jedem geläufig.

Am nächsten Tag war die erste Gesamtchorprobe – die Aufstellung war, dass neben einem türkischen Kind immer ein deutsches Kind stand. Wir probten den Jodler gemeinsam, dann sangen die Türken alleine. Anschließend sangen unsere Kinder und Jugendliche den von ihnen als "uncool" betrachteten Jodler alleine… (lacht)

Ja, man konnte danach mit Fug und Recht behaupten dass unsere Leute diesen Jodler von den Türken lernten! Das hat das gängige Türkenbild vollkommen auf den Kopf gestellt. Die Erkenntnis war, dass man, ob man will oder nicht, vollgestopft ist mit Vorurteilen – und dass man mit der Musik diese Vorurteile relativ einfach abbauen kann.

Unterbiberger Hofmusik - Setliste

Carina: Das Cover der neuen CD: bayrischer Löwe, bayrisches Blau und türkischer Halbmond und Stern – wie kam die Idee für dieses geniale, spritzige Cover zustande?

Franz Josef: Das kann jetzt besser der Xaver erzählen!

Xaver Himpsl: (aus dem Off) Da übernehm jetzt amal ich, weil das mit dem Cover auf meinem Mist gewachsen ist! Unser Designer und ich haben uns zu dem Zweck nämlich in der "Schandgeige", einer Mittelalterkneipe in München, auf ein oder zwei Bier getroffen. Es war klar, dass das Cover einfach sein soll und eine direkte Botschaft vermitteln muss.

Wir haben den ganzen Abend Symbole hin und her geschmissen – und dann im Endeffekt irgendwo das Bayrische Wappen gesehen und gesagt: "Jetzt ham mas!" – Dass die bayrischen Löwen mit Halbmond und Stern spielen, war einfach zu passend … wer jetzt die Löwen sind, kann sich jeder selber überlegen! (lacht)

Carina Prange

CD: Unterbiberger Hofmusik - "Bavaturka"
(Himpsl Records CD1201)

Unterbiberger Hofmusik im Internet: www.unterbiberger.de

Fotos: Pressefotos

© jazzdimensions 2013
erschienen: 7.4.2013
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