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Marianne Keel - "Ich packe meine Tasche…"

Die Sängerin Marianne Keel ist, wie der Titel ihres neuen Albums "Hard To Catch" bereits verrät, nicht leicht einzuordnen. Und sie gibt sich nicht mit wenig zufrieden. Für ihre CD erweiterte die Sängerin ihr Jazztrio mit einem Streichquartett zu einer hochspannend klingenden Oktett-Besetzung.

Marianne Keel

Mit dieser ungewöhnlichen Besetzung ist sie auch auf Tour auf der Bühne zu erleben. Unter dem Bandnamen "Marianne's Bag" stellt Marianne Keel selbstbewusst ihre eigenen Lyrics und Kompositionen vor: höchst eigenwillige Songs, sehr individuell, sehr genial...

Carina Prange sprach für Jazzdimensions mit Marianne Keel

Carina: Fangen wir mal am Anfang an – du hast in Basel bei Susanne Abbuehl und Lisette Spinnler studiert. Inwieweit haben die beiden deinen Gesangsstil und deine musikalische Herangehensweise beeinflusst?

Marianne: Bei Lisette ging es vor allem darum, beweglich mit der Stimme umzugehen. Wir improvisierten sehr viel zusammen, experimentierten mit der Stimme und setzten sie als Instrument ein. Bei ihr lernte ich wieder freier zu singen, einfach rauslassen was ich fühle, vollen Körpereinsatz zu geben – und vor allem mit Freude zu singen!

Susanne Abbuehls Musik und Art zu singen fand ich sehr inspirierend. Vor allem aber ermutigte sie mich zum Komponieren und Texteschreiben: Sie hörte damals meine allererste Komposition, gab mir Ratschläge und zeigte mir, wie ich die Stimme auch anders einsetzen könnte. Bei ihr lernte ich zudem viel über Liedinterpretation und wende dies heute auch bei meinen Schülern an.

Marianne Keel

Carina: Danach bist du für ein halbes Jahr nach Kopenhagen gegangen, um bei Josefine Cronholm Gesangsstunden zu nehmen. Warum gerade sie – was ist für dich das Besondere an ihrem Gesang und ihrer Persönlichkeit?

Marianne: Ich hatte Josefine Cronholms CD "Wild Garden" eine Zeitlang ständig gehört; ihre Stimme, ihre Musik schlugen mich förmlich in den Bann. Es war dann Susanne Abbuehl, die es einfädelte, dass ich bei Josefine Unterricht nehmen konnte! (lacht)

In Kopenhagen bei ihr hatte ich eine tolle Zeit, musikalisch wie auch persönlich. Ich war damals gerade ihre einzige Schülerin, da sie im Mutterschaftsurlaub war – so konnte sie all ihre Energie und Ideen vollkommen auf mich konzentrieren. Ihr sang ich fast alle meine Kompositionen vor, sie gab mir einen Einblick, wie man Musik und Familie unter einen Hut bringt.

Carina: Wie lange existiert jetzt deine Band Marianne's Bag in der Konstellation als achtköpfiges "Jazzquartett mit Streichern"?

Marianne: Marianne's Bag existiert seit 2007. Es begann damals als mein Projekt fürs Diplomkonzert. Im Jazztrio spielen immer noch dieselben Musiker, auch die erste Geigerin ist von Anfang an dabei. Die anderen Streicher des Streichquartetts wechselten gelegentlich, doch seit 2009 ist alles recht konstant. Das freut mich außerordentlich!

Marianne's Bag - "Hard To Catch"

Carina: Und was packst du so in diese Tasche – speziell für die neue Platte?

Marianne: (lacht) Die Tasche ist voll guter Erfahrungen! Voll schöner Wanderungen in den Bergen und Beobachtungen im Alltag. Sie enthält aber auch einsame Tage in Kopenhagen, Romantik und Liebe. Dazu etwas Pop, etwas Jazz, etwas Klassik… Alles zusammen verschmelzend, ergibt sich meine Musik!

Carina: Wie löst man die finanziellen und organisatorischen Probleme, die eine 8-Personen-Besetzung automatisch aufwirft?

Marianne: Bis jetzt hatten wir das Glück, dass die Veranstalter bereit waren, die Gagen für das Oktett zu tragen. Wobei die, ganz klar, nicht sehr gut sind – aber besser das, als nichts! Manchmal verzichte ich auf meine eigene Gage, um dafür meine Musiker besser zu bezahlen. Dies ist auf lange Sicht natürlich nicht die Lösung...

Für ein Oktett Proben und Konzerte zu organisieren ist wirklich anstrengend. Doch die Freude, in dieser Besetzung aufzutreten und so viele musikalische Möglichkeiten zu haben, motiviert mich dann jeweils wieder.

Marianne Keel

Carina: Das Trio bildet mit dir zusammen das jazzige Kernquartett. Soweit wäre das noch nichts Ungewöhnliches Was trägt das Streichquartett zum Sound bei?

Marianne: Ich hole mal etwas aus… Also, vor ein paar Tagen musste ich Proben organisieren, was sich mit einem Oktett immer sehr schwierig gestaltet! Sagte ich ja schon. Da bin ich manchmal so frustriert, dass ich mir sage, dass ich eigentlich nur noch im Quartett spielen möchte… (lacht)

Naja, meine Liebe zum Streichquartettklang lässt diesen Gedanken immer schnell verfliegen. Im Ernst, das Streichquartett ist extrem wichtig für den Klang von Marianne's Bag! Viele Kompositionen würden ohne Streicher für meine Ohren zu "gewöhnlich" klingen. Bei vielen Stücken hatte ich sogar zuerst Ideen für das Streichquartett, bevor der Rest dazukam.

Carina: Ganz so leicht machst du es dem Hörer nicht, dich einzuordnen und deine Musik für sich zu verorten – "Hard To Catch" beschreibt dies als Titel sehr schön. Wie schaffst du es, dich als eine unter vielen Jazzsängerinnen von der Masse abzuheben?

Marianne: Ich versuche immer meinen Vorlieben treu zu bleiben und lasse mich beim Komponieren von meinen Interessen leiten, ohne auf eine stilistische Vorgabe abzuzielen. Ich versuche dabei die Stimme immer wieder anders einzusetzen, experimentiere mit Text und Sounds und kreiere unterschiedliche Klangwelten.

Meine Bandkonstellation ist ohnehin etwas speziell. Wobei ich Streicher aber nicht deshalb in meiner Band haben wollte, sondern weil ich mit klassischer Musik aufgewachsen bin und das Cello mein Lieblingsinstrument ist!

Carina: Der Song "Lovely" ist voll hoher Dramatik, wohingegen "A Deer A Soul On Four Legs" und "On A Hill" eher zur melancholischen Seite neigen. Kannst du was dazu sagen?

Marianne: Okay, der Text von "Lovely" entstand aus einer Improvisation heraus. Worte und Sätze wurden nach Klang willkürlich aneinander gereiht – so ergaben sich zwei Fantasiestrophen. Die B-Teile sind daher umso persönlicher, hier erzähle ich über Dinge die mich an unserer Gesellschaft und auch an mir aufregen. Daher die Dramatik in der Musik.

"A Deer A Soul On Four Legs" entstand nach einer schweißtreibenden Exkursion im Engadin als "Wanderlied", das alle Beobachtungen und Erlebnisse einer Bergwanderung aufzählt. Es geht steil bergauf, hört nie auf … wird man die Bergspitze je erreichen? (lacht) Den Titel fand ich in einem Zeitschriftenartikel – ein dort als "behindert" bezeichneter Mensch antwortet auf die Frage, was ein Reh sei: "Eine Seele auf vier Beinen". Das fand ich wunderschön gesagt!

"On A Hill" ist Einsamkeit pur. Es entstand in meiner Zeit in Kopenhagen. Anstatt von mir zu singen, nahm ich das Bild eines einsamen Baums auf einem Hügel, der sich danach sehnt einen anderen Schatten neben sich zu haben. Immer wenn ich dieses Lied singe, kommen all die Gefühle der Einsamkeit wieder hoch.

Marianne Keel

Carina: Sind es denn besonders die tiefgründigen - gar "abgründigen - Emotionen, die eine musikalische Umsetzung lohnen? Die Menschen in den Bann ziehen?

Marianne: Nicht unbedingt. In erster Linie, meine ich, kommt es nur auf Authentizität an. Und doch finde ich es selbst auch einfacher, "tiefgründige" Emotionen musikalisch umzusetzen. Vielleicht, weil das Schreiben von Musik eine Verarbeitung von Erlebtem ist, eine Art Seelenreinigung. Und es ist gerade beim Thema Liebe so, dass jeder Mensch schon Negatives erlebt hat und sich durch solche Stimmungen angesprochen und berührt fühlt…

Carina: Das "Märchenhafte" und "die Wirklichkeit", darum geht es laut Info in deinen Texten – wo liegt deiner Meinung nach eher das Gewicht, beim ersteren oder letzteren? Und wo liegt die Grenze zwischen beidem? Gibt es eine Kollision oder eine Koexistenz?

Marianne: Der Klang meiner Musik ist sicher von einer Märchenwelt inspiriert, jedoch die Texte stammen sehr aus der Realität. Ich denke schon, dass es ein Koexistenz gibt von beiden. Im Märchenhaften ist doch meistens auch etwas Wirkliches. Und die Wirklichkeit wird oft erträglicher, wenn man sie in etwas Märchenhaftes verwandelt.

Carina: Du arbeitest auch im Duo mit Niculin Christen zusammen. Welche Idee liegt eurem Duoprojekt zugrunde?

Marianne: Dieses Duo existiert seit dem Studium. Susanne Abbuehl wollte damals, dass man mit einem Pianisten in die Gesangsstunde kommt. Nach und nach traten Niculin und ich zusammen bei privaten Anlässen und Hochzeiten auf und spielten dort die gewünschten Lieder. Dieses Repertoire war dann sehr abwechslungsreich.

Nun sind wir gerade daran, das Duoprojekt in eine eigene musikalische Richtung zu bringen. Toll ist, dass Niculin seit ein paar Jahren auch noch Akkordeon spielt und wir so mehr musikalische Möglichkeiten haben. Einen Beatles-Song mit Akkordeon begleitet, inspiriert mich dann umso mehr, alles neu zu interpretieren.

Die Idee ist natürlich auch, dass man im Duo einfacher zu Auftrittsmöglichkeiten kommt. Ja, und aus dem anfänglichen Duo im Studium wurde dann nach einigen Jahren der musikalischen Zusammenarbeit auch ein Ehepaar mit zwei Kindern... (lacht)

Carina Prange

CD: Marianne's Bag - "Hard To Catch" (Meta Records meta 064)

Marianne Keel im Internet: www.mariannekeel.ch

Meta Records im Internet: www.metarecords.de

Fotos:  Pressefotos

© jazzdimensions 2013
erschienen: 26.4.2013
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