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Wolfgang Haffner - "Reduktion zur Essenz"

Der Komponist, Bandleader und Schlagzeuger Wolfgang Haffner ist inzwischen ausschließlicher Herr seines musikalischen Universums. Das heißt, er konzentriert sich auf sich und seine Musik, auf seine Projekte, auf seine eigenen Alben. Die Quintessenz seiner musikalischen Entdeckungsreise liegt seit dem Album "Shapes" in der immer weiteren Reduktion seines Beitrags als Schlagzeuger zu seinem Sound.

Wolfgang Haffner

Im Vordergrund nämlich stehen relaxtere Klänge, die Zusammenarbeit mit Kollegen, deren herausragendes Können und Person ihm wichtig sind. So lockt "Heart of the Matter" mit dem Ausstieg aus dem stressigen Alltag für die Laufzeit des Albums, einmal abzuschalten und sich der kosmisch-elegischen Klangwelt hinzugeben, die Haffner hier dem Hörer öffnet.

Carina Prange sprach für Jazzdimensions mit Wolfgang Haffner

Carina: Dein aktuelles Album "Heart of the Matter" ist sehr relaxed, sehr "slow-motion". Geht es dir darum, sozusagen unserer überdrehten, extrem schnellen Gegenwartsgesellschaft etwas entgegenzusetzen?

Wolfgang: Musik und Leben sind für mich untrennbar miteinander verbunden. Nach vielen Tourneen um die Welt, meist als Sideman, war für mich allerdings im Jahr 2010 ein Punkt erreicht wo ich entschieden habe, mein Leben etwas ruhiger angehen zu lassen, und mich außerdem verstärkt um meine eigenen Projekte zu kümmern.

Durch die ständige Reiserei von A nach B blieb mir kaum Zeit die ganzen Erfahrungen sacken zu lassen, und ich fühlte mich teils wie ein Getriebener. In manchen Jahren spielte ich 200 Konzerte in 40 Ländern, dazu noch 30 bis 40 Platten aufgenommen. Der Gipfel waren einmal vier Konzerte auf vier Kontinenten in acht Tagen...

Mittlerweile habe ich eine gute Balance zwischen Privat- und Tourleben gefunden. Ich bin glücklicher und ausgeglichener denn je. Und ich denke, das hört man der Musik auf meinem neuen Album an

Wolfgang Haffner

Carina: Die acht Musiker auf deiner Special-Guest-Liste sind alle nicht gerade unbekannte Namen der Jazz- und Klassikwelt. Auch auch Dominic Miller gehört diesmal dazu. Wie kam es zu dieser Zusammenarbeit?

Wolfgang: Dominic Miller habe ich 2003 beim "Jazz Baltica" Festival kennengelernt. Und seit damals wollten wir was zusammen machen! Aber erst 2009 war es dann endlich soweit; er spielte auf dem Titelsong meines Albums "Round Silence": Beim Komponieren hatte ich immer Dominics unvergleichlichen Gitarrensound im Kopf gehabt, und so lag es natürlich nahe, ihn für diesen Song zu holen.

In der Vergangenheit schrieb ich erst die Songs und überlegte mir danach, wer diese am besten umsetzen könnte. Diesmal war es genau umgekehrt. Zuerst stand die Band fest, danach fing ich an, die Songs für genau diese Besetzung zu schreiben. War für mich sehr interessant.

Auf meinen vorherigen Produktionen stand, neben der Trompete, häufig das Piano im Vordergrund. Nun wollte ich stattdessen mal die Kombi "Trompete und Akusikgitarre" probieren. Da ich immer auf der Suche nach starken Charakteren bin, die sich voll in die Musik einbringen, lag es nahe, Dominic Miller und Sebastian Studnitzky zu fragen.

Als Keyboarder kam mir sofort Eythor Gunnarsson von der isländischen Band Mezzoforte in den Sinn – ebenfalls ein Mann der mit einer Note alles sagen kann, sowie der fantastische Bassist Nicolas Fiszman. Eine Wahnsinnsband!

Wir hatten drei unfassbar produktive Tage im Hansa Studio in Berlin, und ich glaube, die Entspanntheit und die guten Vibes dieser Session kann man auf dem Album hören. Lustig war folgendes – Dominic sollte ursprünglich nur am ersten Tag dabei sein. Und so bat ich den Gitarristen Bruno Müller für die anderen beiden Tage dazu...

Aber am zweiten Tag stand Dominic wieder vor der Studiotür! Und meinte, dass er gerne auch die anderen beiden Tage mitspielen möchte, da es ihm so gut gefiele. (lacht) So hatten wir dann plötzlich zwei Gitarristen: Miller und Müller!

Wolfgang Haffner

Carina: Verändern gute Gastmusiker den Sound eines Albums? Und wenn ja, wie?

Wolfgang: Der Sound meines Albums bin zunächst mal ich. Und der Rest ergibt sich aus meinen Kompositionen, meiner Art zu arrangieren und meiner eigenen Art Schlagzeug zu spielen.

Gastmusiker sehe ich als Farbtupfer innerhalb eines Albumkonzeptes, aber immer der Musik dienend! Alle Gäste auf meinem Album sind deshalb so große Musiker, weil sie sich eben trotz ihres starken Charakters, ihrer so eigenen Stimme, immer in den Dienst des jeweiligen Songs stellen.

Wer das nicht kann, oder dazu nicht bereit ist, hat auf meinem Album nichts verloren. Egal wer auf meinem Album mitspielt, es wird am Ende immer nach Haffner klingen!

Wolfgang Haffner - "Heart of the Matter"

Carina: Wie entstand der Kontakt zu dem Perkussionisten Shovell, dem "Drum Warrior"? Gibt es dazu eine Geschichte?

Wolfgang: Shovell habe ich auf Ibiza kennengelernt. Wir spielen zusammen mit "Nightmares on Wax". Viele kennen ihn noch als Percussionisten der englischen Dance Band M-People, die in den 90ern den Welthit "Movin´on up" hatten.

Er ist ein aussergewöhnlicher Mensch und Musiker, seine ureigene Art von Sprechgesang hat mich seit längerer Zeit begeistert. Für mein Album wollte ich neben der bereits erwähnten Kombi von Trompete und Akustikgitarre noch weitere neue Farben, und dann kam ich darauf es mit Stimmen zu versuchen.

Die Stimmen von Celiné Rudolph, Thomas Quasthoff und Shovell wollte ich aber nicht in der herkömmlichen Form einsetzen, sodass die Band zur Begleitband verkommt, wenn der jeweilige Sänger einen Song zelebriert. Mein Bestreben war es, die Stimmen quasi als weiteres Instrument einzusetzen.

Carina: Brauchtest du da eigentlich noch eine Horn Section?

Wolfgang: Mit Hornsections habe ich schon seit vielen Alben immer wieder gearbeitet. Ich liebe es, für Bläser zu schreiben und es war von Anfang an klar, dass der ein oder andere Song mit einem Hornarrangement versehen wird.

Meine Liebe für Bläser kommt durch mein Elternhaus. Mein Vater war Kirchenmusiker und Leiter des Posauenchores. Meinen allerersten öffentlichen Auftritt als Schlagzeuger hatte ich übrigens im Alter von acht Jahren mit dem Posaunenchor meines Vaters!

Carina: Du hast zwei "Klassiker" auf deinem Album. Zum einen ist es der Lionel Richie-Song "Hello"...

Wolfgang: (lacht) Da ich sehr viel komponiere, möchte ich auch meine eigenen Sachen veröffentlichen! Mit Coverversionen stehe ich oftmals auf Kriegsfuß; der kommerzielle Gedanke schielt mir da zu sehr um´s Eck.

ACT Chef Siggi Loch meinte einmal in einem Gespräch zu mir, dass er sich sehr gut vorstellen könnte, diverse Coversongs im "Haffnersound" zu hören. Das war der Auschlag für mich. Ich wollte einfach mal probieren, ob das für mich machbar ist ohne meinen typischen Sound zu vernachlässigen. Es hat mir großen Spaß gemacht, und ich bin mit dem Ergebnis sehr glücklich.

Auf "Hello" stieß ich zufällig, als ich in einer Strandbar auf Ibiza saß und der Song gespielt wurde. Eine meiner absoluten Lieblingsballaden. Ursprünglich hatte ich mir den Song von anfang bis Ende mit Piano als Begleitung für Akustikgitarre und Trompete vorgestellt.

Als Sebastian Studnitzky, der das Album co-produzierte, zu mir ins Studio kam, hörten wir unsere in der Form fertig aufgenommene Studioversion durch. Es klang OK, aber irgendwas passte nicht.

Sebastian setzte sich hin, schmiss als erstes das Piano bis zum Schlußthema raus und spielte stattdessen ganz dezente Synthietöne ein. Plötzlich war die Magie da! Und so kam der Song auf die Platte...

Carina: Und wie war es bei Artie Butlers "Here's To Life"? Den assoziiert man mit den Lyrics und der Stimme von Shirley Horn. Bei dir findet man ihn rein instrumental mit der Trompetenstimme von Till Brönner...

Wolfgang: Der Song "Here´s to life" in der Version von Shirley Horn begleitet mich seit den neunziger Jahren. Und es war Till, der ihn mir zum ersten Mal vorgespielt hatte! 1998 saßen wir bei ihm in der Wohnung, um Songs für seine bevorstehende Platte "Love" zu hören.

Als wir diesen Song anhörten, sind wir beide vom Glauben abgefallen. So unfassbar emotional und schön! Schon damals entschied ich für mich, eines Tages eine Version davon zu machen. Nun war es soweit und ich fragte Till, ob er mir die Noten dafür schicken würde. Er meinte, warum lässt Du mich den Song nicht einfach spielen?

Till ist mein absoluter Lieblingstrompeter und einer der größten Musiker dieses Planeten. Wir haben zusammen über die Jahre eine ganz eigene, ruhige Art des Balladenspiels entwickelt, was auf unserer Version von "Here´s to life" deutlich zum Tragen kommt.

Wolfgang Haffner

Carina: Du "suchst und betrittst" Klangwelten, wenn du komponierst und arrangiertst – das sei letztlich dein Ding, sagst du. Geht da in deinem Kopf eine Tür auf und du befindest dich plötzlich dort, so wie Alice im Wunderland in eine andere Welt schlittert? Oder ist das ein viel komplexerer, mehrschichtiger Prozeß?

Wolfgang: Ich bin immer auf der Suche nach einem Aufhänger für ein Stück. Das kann eine Melodie, ein Rhythmus, ein bestimmter Klang oder auch nur eine Athmosphäre sein. Im Laufe des Schreibens kommen dann verschiedene Klänge dazu, manche bleiben, manche verschwinden wieder.

Wenn es für ein Stück markante Athmosphären in Form von Klängen gibt, nehme ich diese mit ins Studio und lege sie an, so dass die Band diese beim Aufnehmen hören kann. Erst nachdem die Produktion im Studio abgeschlossen ist, mache ich mich richtig an das Sounddesign.

Das sind dann viele Monate des Hörens, Fühlens und Ausprobierens. Ich versuche zur Essenz der Komposition vorzudringen, reduziere alles auf das Wesentliche und stelle auch schon mal das aufgenommene Material auf den Kopf. Wenn ich der Meinung bin, dass ein Song in einer anderen Version besser ist, bleiben dabei auch schon mal Beiträge berühmter Gäste auf der Strecke! (lacht)

Mich interessiert nur, dass letztendlich ein stimmiges Haffner Album herauskommt, hinter dem ich voll und ganz stehen kann.

Carina: Das Leben und Arbeiten am Meer – fließt da viel in deine Musik mit ein, an Inspiration, Emotionen, Ruhe? Oder ist ein Musikarbeiter doch unabhängiger vom Umfeld?

Wolfgang: Nein, die jeweilige Umgebung hat mich stets beim Komponieren beeinflusst. In den neunziger Jahren war ich ständig zu Aufnahmen und Tourneen in den USA. Speziell in New York und L.A. habe ich viel Zeit verbracht. Dabei enstanden viele Kompositionen, die mein Leben in diesen Städten widerspiegeln.

Das Album "Shapes" im Jahre 2005 war durch meine vielen Aufenthalte in der Zeit in Skandinavien geprägt. Die anschliessende "Shapes" Tour führte uns im Lauf von zwei Jahren durch 30 Länder in aller Welt, wo widerum viele Stücke in verschiedenen Kulturen entstanden.

"Round Silence" war bereits teilweise durch die Ruhe und Weite der Balearischen Inseln geprägt; das neue Album "Heart of the matter" entstand jedoch komplett in den Wintermonaten auf Ibiza. Unglaublich schöne Natur, die Weite des Meeres, leere Strände, Ruhe und Frieden pur!

Wolfgang Haffner

Carina: Offensichtlich jedenfalls führt der rote Faden deiner musikalischen Entwicklung in immer ruhigere, gelassenere Gefilde - hat das auch mit dem Älterwerden zu tun? Löst hier die präsente Gelassenheit die "Sturm-&-Drang-Zeit" ab?

Wolfgang: (lacht) Die von dir angesprochene "Sturm und Drang"-Zeit hatte ich natürlich auch. Aber da bin ich Gott sei Dank durch: Ich mache die Musik die ich will, halte mich fern von jeglicher Art von Hype und muss niemanden mehr etwas beweisen.

Beim Schreiben höre ich einfach in mich hinein. Meine Musik kommt direkt aus dem Herzen und ist niemals kalkuliert. In der Ruhe liegt die Kraft!

Carina Prange

CD: Wolfgang Haffner - "Heart of the Matter" (ACT Music ACT 9535-1)

Wolfgang Haffner im Internet: www.WolfgangHaffner.com

ACT Music im Internet: www.actmusic.com

Fotos: Pressefotos (ACT / Ulla Binder)

© jazzdimensions 2013
erschienen: 16.2.2013
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