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Alfred Vogel - "Öfter mal die Perspektive wechseln"

Der Zufall hatte einen großen Anteil daran, dass eine Reihe von fünf Alben unter den Titeln "Vogelperspektive Vol.1–5" entstand. Vor etwa zweieinhalb Jahren begann alles damit, dass der Drummer Alfred Vogel spontane Sessions aufnahm – damals noch völlig ohne den Hintergedanken, dies für die Ewigkeit festzuhalten oder gar zu veröffentlichen.

Alfred Vogel

Warum es dann doch anders kam und auf welchem Wege letztendlich aus den Mitschnitten eine sehr spannende Projekt- und CD-Reihe wurde und wie die weiteren Perspektiven sind, erklärt der Voralberger Schlagzeuger und Mastermind im Interview.

Carina Prange sprach für Jazzdimensions mit Alfred Vogel

Carina: Wo alle bei dem Versuch, eure Musik zu orten, drumherum raten, interpretieren, Schubladen öffnen und wieder schließen… Wie erklärst du einem Menschen, wie "Vogelperspektiven" klingen?

Alfred: Grundsätzlich handelt es sich dabei um Musik, die der Aufmerksamkeit bedarf. Man kann sie nicht im Hintergrund oder auf halber Lautstärke hören, denn sonst entgeht einem genau das, worauf es ankommt, das Detail. Es ist größtenteils frei improvisierte Musik, die aus dem Moment heraus entsteht, allerdings auf diversen Konzepten basiert.

Es ist Musik für Menschen, die zuhören können und wollen. Zu hören sind Musiker aus New York, Berlin, Zürich, Wien – allesamt Musiker, mit denen ich schon immer einmal spielen wollte und die sehr viel Soul haben, egal aus welchem Genre sie stammen. Vol. 1 ist ein Sampler, der alle weiteren Volumes mit je einem Auszug vorstellt.

Vol. 2 widmet sich dann voll und ganz der Band "Die Glorreichen Sieben", einem Quartett mit zwei Schlagzeugern, welches sich als Ausgangspunkt Titelmelodien von Westernfilmen wählt, um dann in weite und tiefe Improvisationslandschaften auszureiten. Das geht manchmal "voll auf die Zwölf" und schafft durch die zwei Drummer eine cinemascopische Fläche, auf der Kalle Kalima immer wieder großartige Melodiebögen, gleich denen eines Ennio Morricone durchschimmern lässt.

Le Noir, ein Trio mit E-Geige, Bass und Drums, ist seit Anfang Juli auf Vol. 3 zu hören. Mit dieser Band loten wir bestimmte Bluesstilistiken aus dem Fundus von Blueslegenden wie Muddy Waters, Skip James oder J.B. Lenoir aus und spielen dabei deren persönliche Aussagen über den Blues in Form von Sprachsamples ein. Der Shuffle als rhythmische Grundfigur wird hier äußerst strapaziert, Simon Frick nimmt mit seiner E- und FX-Geige abstrakt gesehen die Rolle des Sängers ein, es kratzt, schabt und heult, dass es eine Freude ist.

Wir bedienen uns aber auch bestimmter psychedelischer Elemente, die an den Rock der 70er erinnern, der ja wiederum auch nur eine logische Fortsetzung des Blues war. Grundsätzlich sehr groovy! Die Musiker, die auf den Volumes zu hören sein werden, sind allesamt Leute, die für eine sehr offene Spielhaltung bekannt sind.

Ich selber bin ja mit Bands wie Led Zeppelin groß geworden und erst relativ spät zum Jazz gekommen. Heute aber habe ich eine Sammlung, die von Louis Armstrong über Chuck Berry zu Ornette Coleman, T-Bone Burnette oder Joe Henry führt, und dem entsprechend klingt auch die Musik auf den einzelnen Volumes recht eklektisch.

Alfred Vogel

Carina: "Vogelperspektive 1-3" sind bereits erschienen. Was erwartet den Hörer bei den Nummern 4 und 5, was kannst du schon verraten?

Alfred: John Schröder bedient auf Vol. 4 mit der Band "Intensivstation" teilweise simultan das Fender Rhodes, eine Gitarre sowie ein weiteres Drumset. Mit Wolfgang Zwiauer am Bass klingt das Trio manchmal wie ein Quartett oder Quintett. Grundsätzlich handelt es sich dabei um den "reinsten" Freejazz der Reihe, jedoch sehr entspannt – Wolfgang Zwiauer gilt als einer der vielseitigsten Bassisten der Schweiz. Wir kennen uns aus einem Singer/Songwriter Projekt des wunderbaren Hendrix Ackle, mit dem wir 2013 ein Album veröffentlichen.

Ich kannte Wolfgang grundsätzlich "nur" aus dieser Ecke, er hat auch ein wunderbares Album mit seiner Frau Shirley Grimes am Start. Aber irgendwie hatte ich das Gefühl, dass die Mischung mit John funktionieren könnte – beide sehe ich leider nur selten, aber es ist immer sehr inspirierend –, also brachte ich die zwei Herren nach Bezau. Wir hatten dann zunächst einen schönen gemeinsamen Abend mit gutem Essen und Wein und stellten fest, dass wir allesamt schon mal Erfahrungen auf der Intensivstation hatten!

Am nächsten Morgen klang unsere Musik dann auch dementsprechend: es geht um Leben und Tod! Aber keine Angst, dass kann auch wunderschön klingen ... jedenfalls aber sehr "wahrhaftig". Das einzige Konzept war hier im Prinzip, dass John seine Rolle als Multiinstrumentalist voll ausfährt. Wer auf "Bitches Brew" von Miles Davis steht, kommt hier voll auf seine Kosten.

Zum Abschluss werden dann auf Vol 5 nochmals freie Improvisationen in Solo-, Duo- und Trio-Form zu hören sein, mit Gästen wie Jon Irabagon, Billy Martin, Andreas Schreiber und anderen – das Album befindet sich noch im Entstehen und wird vermutlich Anfang 2013 veröffentlicht.

Alfred Vogel

Carina: Wieso sind es gleich fünf Alben geworden, wie entstand die Idee einer Reihe aus fünf CDs – magst du unseren Lesern etwas zur Entstehungsgeschichte erzählen? Und wieso fünf und nicht drei oder sieben?

Alfred: Die "Vogelperspektive" ist, so gesehen, rein zufällig entstanden. Ich habe vor zwei Jahren damit angefangen, spontane Sessions aufzunehmen. Zunächst mit Andreas Schreiber und Angelika Hagen, David Helbock oder etwa Billy Martin von MMW. Irgendwann hatte ich Stunden über Stunden an Audiomaterial und es kam die Idee zum Sampler.

Dann war da noch die Gelegenheit mit den Glorreichen Sieben, und noch vor unserem ersten Konzert in Bezau spielten wir schon den ersten Teil unseres Albums ein. Als ich dann das Material durchhörte, fiel mir auf, dass je nach Besetzung, die Improvisationen sehr eigenständig klangen. Mit Intensivstation gab es zu dem Zeitpunkt schon Aufnahmen in der Länge von etwa vier Stunden.

Irgendwann dachte ich, dass es eigentlich schade wäre, von den einzelnen Konstellationen nur je eine Nummer auf einen Sampler zu packen, weil ich einfach sehr viel des Materials für veröffentlichungswürdig hielt. Dann wurde mir plötzlich bewusst, dass ich im November 2011 seit 30 Jahren Schlagzeug spiele!

Es kam noch ein Angebot vom Spielboden in Dornbirn, dort zum Thema "Vogelperspektive" einen Abend zu gestalten. Und irgendwann dachte ich, wieso zeige ich nicht einfach mal die volle Bandbreite meines Schaffens, ohne die Absicht, irgendwem oder irgendwelchen Formaten gerecht zu werden. Ich fühle mich weder als Jazz- noch als Rockschlagzeuger, noch als irgend etwas dazwischen. Egal was ich spiele, es ist immer Alfred Vogel drin.

Und wenn es ein Talent gibt, das ich habe, dann vielleicht jenes, Leute zusammen zu bringen, die eine große gemeinsame Schnittmenge haben. Kalle sagt immer, ich sei ein "guter Kommunikator". Ich finde auch, dass bei allen Volumes der "Vogelperspektive" ein roter Faden durchgeht. Und dass nicht nur, weil ich bei allen Aufnahmen am Schlagzeug sitze. Es handelt sich dabei um eine bestimmte Geistes- und Spielhaltung aller Beteiligter.

Ich nehme Musik sehr ernst, genieße sie aber gleichzeitig und habe einen wunderbaren Spaß, der sich, glaube ich, sogar mit zunehmendem Alter intensiviert. Warum sind es fünf Alben geworden? Nun ja, weil es meiner Meinung nach genau diese fünf Alben braucht, um diese Bandbreite zu zeigen und um einen schönen Bogen zu spannen! Danach ist dann erstmal Schluss, das verspreche ich, dann bin ich höchstens noch "vogelfrei"… (lacht)

Vogelperspektive Vol. 2: "Die Glorreichen Sieben"

Carina: Wie sieht grundsätzlich deine Vogelperspektive auf die Musik dieser Welt aus, vom Bregenzer Wald aus? Schafft die Bergluft eine Atmosphäre für neue Ideen, die Voraussetzung für kreative Freiheit?

Alfred: Nun, ich glaube, dass meine Perspektive mit diesen Volumes vorerst gut zum Ausdruck gebracht wird. Ich habe hier natürlich einen Abstand zu gewissen Dingen, der Chancen und Gefahren mit sich bringt. Beispielsweise vermisste ich lange Zeit das Gefühl einer "Szene", das Gefühl "dazu zu gehören", meine Kreativität nicht voll und ganz ausleben zu können.

Aber das ist vorbei – mittlerweile kann ich hier sehr effektiv arbeiten. Mein Studio ist im Keller, ich habe nur wenig "Verschleißzeiten". Dann komme ich immer wieder hinaus, in Städte wie Berlin, Zürich, London, New York ... Die Zeit nütze ich dann immer ganz dringlich und sauge alles auf, was an urbaner Lebensenergie auf mich zukommt. Zurück im schönen Bezau verarbeite ich das dann alles auf entsprechende Art und Weise.

Ich pendle also immer zwischen den Gegensätzen. Ich habe ein sehr erfülltes und energiereiches Leben hier vor Ort, mit allem was mir wichtig ist: Familie, Musik, Gesundheit, Sport, Natur. Das Internet ist mir in den letzten zehn Jahren natürlich auch sehr entgegengekommen ... und die Begegnung mit Milford Graves oder Billy Martin hat mich auch sehr beeinflusst. Beide versuchen, ihre Kreativität nicht nur in ihrer Musik auszuleben und betrachten ihr Schlagzeugspiel nur als einen Teil des Ganzen.

Der Bregenzerwald ist ein sehr guter Nährboden für selbstbestimmte Lebenswege. Es gibt eine große Zahl von sehr innovativen Unternehmern, Bauern, Künstlern und ganz normalen Leuten, die einfach einen sehr klaren Ansatz leben. Das habe ich hier gelernt: nicht immer alles nur von der Musik abhängig zu machen. Und ich lebe hier in einer Situation, die es mir ermöglicht, in der Tat sehr kreativ zu sein. Und vor allem, nur noch die Musik zu spielen, die mir am Herzen liegt!

Seit über zwei Jahren habe ich nur Gigs gespielt, die mich künstlerisch restlos befriedigen. Obwohl ich mich mit der Welt da draußen messe, verspüre ich nicht diesen Konkurrenzdruck, den man in einer Stadt wie New York oder etwa Berlin hat. Mich freut es einfach, dass meine Musik auch "da draußen" gehört wird, und das gibt einem natürlich auch ein gewisses künstlerisches Selbstvertrauen. Das versuche ich, mit meinen Produktionen und Liveauftritten auch zu vermitteln.

Carina: "Vogelperspektive 2" hat Western-Songs zum Thema, Nr. 3 ist dem Blues gewidmet - der Blues, inwiefern hast du den im Blut bzw. haben wir Menschen den alle im Blut?

Alfred: Der Blues steckt in uns allen. Das gehört zum Menschsein dazu. Lange, bevor ich den Blues auch so richtig durchlebt habe, habe ich in Bluesbands gespielt. Der Musiker hat das Glück, seinem Blues durch die Musik zu entkommen. Son House sagte einmal: "Blues is, when you play just one note and it hits directly into your heart".

Wieso kann es sein, dass Musik uns zum Lachen und Weinen bringt, manchmal sogar ohne dass man genau weiß, wovon der Musiker gerade erzählt? Weil der Blues uns in die Wiege gelegt wurde! Ein Baby mit einer vollen Windel, die nicht gewechselt wird, durchlebt den Blues genauso, wie jemand in einer unglücklichen Beziehung, oder ein Musiker ohne Gig.

Der Blues ist im Moment doch überall: die Euro-Krise, die Arabellion, die Umwelt-Krise ... das verbindet uns, wir können dem Blues nicht entkommen! Und darin liegt aber auch der Schlüssel: der Blues erinnert uns daran, dass wir alle gleich sind und uns deswegen auch gegenseitig mit Respekt behandeln sollten: "What goes around comes around."

Vogelperspektive Vol. 3: "Le Noir"

Carina: Bitte sag doch ein paar erklärende Worte zum Traps-Artist-Roster und deinem Label Boomslang Records. Es ist da die Rede von der "Vermittlung hochwertiger Musik". Wie unterscheidet man hochwertige Musik von minderwertiger?

Alfred: Gegenfrage – wie unterscheidet man guten von schlechtem Wein? Einerseits muss man sich natürlich einige Jahre mit Weinkunde beschäftigen – und auch viel davon trinken –, um das große Ganze zu verstehen. Und trotzdem gibt es Wein, der spontan entweder schmeckt, oder einem das Gesicht verzieht.

Mit "hochwertig" meine ich, dass hier Musiker am Werk sind, die sich grundsätzlich den Arsch abspielen, die sich teilweise Jahrzehnte lang mit Musik intensiv beschäftigt haben, die eine hohe technische und kreative Fertigkeit mit sich bringen und Musik als eine Kunstform betrachten, die auch eine bestimmte Wertigkeit hat.

Zu dieser Wertigkeit gehört aber auch, dass diese Musik unterhalten soll und kommunikativ sein soll. Ich halte nichts davon, dass Jazz intellektuell sein soll. Da ist mir Volksmusik, die authentisch und mit viel Seele gespielt wird, viel lieber. Hochwertig ist einfach: nicht billig, nicht DSDSS, oder DSDN(ächsten)J(azz)S(tar).

Der Begriff setzt für mich voraus, dass man sein Handwerk versteht, seine Wurzeln kennt, dass viel Leidenschaft und Zeit in die Produktionen fließen, dass man aber auch am Puls der Zeit arbeitet… Des Weiteren: Offenheit, Abenteuerlust, Mut, Authentizität und so weiter – eine Reihe von Parametern eben. Da fließt viel hinein, es entsteht also eine Ansammlung von Werten.

Mit hochwertiger Musik muss man sich auseinandersetzen, man muss zuhören und sich darauf einlassen. Und dann nimmt man auch viel mit nach Hause. Das ist der einzige Anspruch, den ich an mein Publikum stelle: Ich bitte um eure Aufmerksamkeit!

Und wie man dem Traps Artist-Roster entnehmen kann, verbindet diese Haltung alle Bands. Wie schon vorhin erwähnt, mache ich keinen Unterschied, welche Stilistik ich gerade bediene. Ich spüre die gleiche Freiheit, wenn ich mit Singer/Songwritern arbeite, oder aber frei improvisierte Musik zu Stummfilmen mache.

Zu meinem Label Boomslang Records lässt sich sagen, dass ich schon vor Jahren damit angefangen habe. Einfach aus der Not heraus, und aufgrund von unbefriedigenden Erfahrungen mit Plattenfirmen. Es wird hier sehr vieles handgemacht, nicht nur die Volumes der "Vogelperspektive". Ich betreue von der Aufnahme und Produktion bis zur Promotion alles selbst. Der Vertrieb erfolgt hauptsächlich über Amazon oder digital.

Und mittlerweile erkenne ich auch so etwas wie einen roten Klangfaden, eine gewisse "Boomslang-Ästhetik" in den Produktionen. Ich sehe mich schon mehr als Musiker denn als Geschäftsmann, aber trotzdem läuft es immer besser. Das Netzwerk ist größer geworden, ich habe bescheidene Downloads aus aller Welt und mit den Bestellungen der "Vogelperspektive" über Amazon bin ich derzeit positiv überrascht.

Alfred Vogel

Carina: Du selbst als Musiker und Mensch – was fällt dir zu Begriffen wie Gegensatz, Ruhe, Bewegung, Energie, Fluß, Film, Avantgarde und Freiheit ein?

Alfred: Aus dem "Gegensatz" schöpfe ich am meisten Kreativität, so wie ich das vorhin schon erläutert habe. In der Ruhe liegt die Kraft. Bewegung ist für mich als Schlagzeuger sehr wichtig; ich liebe nicht nur die musikalischen Möglichkeiten meines Instruments, sondern auch, wie es sich mir physisch hingibt.

Ich liebe Sport und betreibe sehr viel verschiedene Arten, beispielsweise Boxen, Tennis, Klettern, Mountainbike, Schwimmen ... das gibt mir auch wieder viel Energie zurück… Ich bezeichne ja auch mein Spiel als sehr "energetisch" - meine Musiker haben sich beim Konzertmarathon am Elbjazzfestival gewundert, dass ich so gut durchgehalten habe.

Damit wären wir auch bei der Elbe, ein wunderbarer "Fluss"… Flüsse fangen klein an und wachsen ständig, bis sie nach langer Reise dann schwer und breit ins Meer strömen! Ich hoffe, es geht mir auch einmal so. Ich liebe "Filme" und werde dadurch oft sehr inspiriert. Die einzige berufliche Alternative für mich wäre Schauspieler oder Regisseur.

"Avantgarde" ist ein sehr ambivalenter Begriff. Einerseits schmeichelt es, wenn man als "Meister der entspannten Avantgarde" bezeichnet wird, andererseits schafft der Begriff Vorurteile. Ich selbst glaube nicht so sehr, dass die Musik der Vogelperspektive "Avantgarde" ist. Für mich ist es einfach "Echtzeitmusik", in der sehr viele Stile zusammenfließen und die dann aber trotzdem wie aus einem Guss klingt.

"Freiheit" ist ein Wort, das ich nur im Zusammenhang mit "Ordnung" verstehen kann. Es gibt ein schönes Buch des Soziologen Julius Morel zu diesem Thema. Manchmal wundert es mich, dass die Volumes der Vogelperspektive ausgerechnet vor einem sehr turbulenten historischen Hintergrund erscheinen, bei dem es auch hauptsächlich um "Freiheit" geht...

Alfred Vogel

Carina: Eine solche Menge an kreativen Ideen, wie sie auf deinen Alben in Erscheinung tritt, entsteht die aus dir selbst heraus oder bedarf sie vielmehr eines regelmäßigen Austausches von Ideen und Inhalten mit anderen Musikern?

Alfred: Wie schon vorhin angedeutet, gibt es bei mir in Bezau nicht wirklich einen regelmäßigen Austausch im Sinne von Sessions oder Bandproben. Die gesamten Aufnahmen sind aus dem Moment heraus entstanden, einzig die Glorreichen Sieben, bei denen wir teils abstrakte Arrangements verwenden oder etwa die Band Le Noir hatten das Glück, auch etwas an dem Sound zu feilen oder die Ideen und Inhalte zu diskutieren.

Meine Leistung beruht eigentlich nur auf dem Auswählen der Musiker und der Konzeption. Allerdings gibt es eben Musiker, mit denen man "kreativer" arbeiten kann als mit anderen. Ich führe das immer auch auf eine emotionale und persönliche Ebene zurück. Ich fand auch solche Freude dabei, nur mit Musikern zu spielen, mit denen man sozusagen auf "gleicher Wellenlänge" schwingt.

Das macht sich dann am Ergebnis bemerkbar. Kalle Kalima habe ich hier in Bezau kennen gelernt – Christian Lillinger hatte ihn einfach mitgebracht. Es hat auf Anhieb funktioniert! Der Großteil der Vogelperspektive Vol. 2 (die Glorreichen Sieben) wurde innerhalb von zwei Tagen erprobt und aufgenommen.

Kalle und Chris haben Flo Götte auch hier kennengelernt. Ebenso begegneten sich John Schröder und Wolfgang Zwiauer am Tag vor unserer ersten Session. Vielleicht liegt es in der Tat an der "frischen Bergluft" ...

Vogelperspektive Vol. 4: "Intensivstation"

Carina: Gibt es einen Plan für eine Umsetzung der Alben auf der Bühne bzw. Tourpläne – und wenn ja, wie sehen die aus?

Alfred: Ein paar schöne Sachen sind in den letzten Monaten schon passiert… Ein "Ausritt" mit den Cowboys im Jänner, das Elbjazzfestival, mit Le Noir waren wir unlängst Vorgruppe der australischen Rockgruppe Wolfmother, unter anderem in der Arena Wien vor 5000 Leuten – haha, Freeblues goes Rock! Im Herbst war ich mit Le Noir und den Glorreichen Sieben, die auch für den BMW Jazz Award 2013 nominiert sind, unterwegs. Ende Februar 2013 bin ich dann mit Intensivstation auf Tour.

Dazwischen gab es viele Auftritte mit anderen Bands wie Souldepartment, Harry Marte´s Big Pit. Im Oktober eine Theaterproduktion mit David Helbock. Einige Auftritte mit Peter Madsen, der bei uns um die Ecke das Collective of Improvising Artists leitet und mit dem zusammen ich auf dem New Yorker Avantgarde Label Playscape gleich zwei unserer Alben veröffentlichen werde. Es liegt also einiges auf dem Tisch.

Carina: Es handelt sich ja bei der Musik aller Alben um eine Umsetzung "aus dem Moment heraus". Flexibilität und Kreativität beim "Instant Composing", sind sie eine Frage von Lebenserfahrung und eventuell auch des Lebensalters?

Alfred: Was mich betrifft schon. Ich hätte diese Musik nicht vor zehn Jahren erschaffen können. Andererseits gibt es auch ganz großartige und sehr junge Musiker da draußen! Christian Lillinger beispielsweise hat eine künstlerische Reife mit seinen 27 Jahren, die ich damals noch nicht hatte. Aber wenn man ihn kennt, dann weiß man, dass er eine sehr dringliche Attitüde hat.

Es hängt schon damit zusammen, wie intensiv man seine Umwelt wahrnimmt, wie intensiv man lebt und wie wach oder offen man durch diese Welt schreitet. Und natürlich auch damit, wie gut man seine Sprache beherrscht! Man muss zunächst eben ein Vokabular entwickeln, dann Sätze bilden, und letztlich eine Geschichte erzählen können. Und natürlich muss auch die Bereitschaft gegeben sein, seine Geschichte mit der Welt zu teilen. Oder in meinem Fall die Perspektive zu teilen...

Alfred Vogel

Carina: Hast du so etwas wie eine Lebensphilosophie?

Alfred: Ich tu mir immer schwer, so etwas Komplexes in wenige, oder überhaupt in Worte zu fassen. Man kennt das ja: inhale, exhale oder carpe diem usw. ... Ein bedeutender Teil meiner Lebensphilosophie kommt wohl in meiner Musik zum Ausdruck. Ich bemühe mich schon sehr, dieses eine Leben gut zu leben, mit allen Menschen die mir wichtig sind, und Inhalte zu schaffen, die eine Nachhaltigkeit in allen Dingen mit sich bringen.

Man kann sich ja immer nur als kleiner Teil des Ganzen sehen, und ich empfinde ein großes Glück, überhaupt machen zu können, was ich mache! Deswegen möchte ich derzeit der Verflachung und Verblödung durch Mainstream jeglicher Art entgegenwirken, auch wenn's nicht immer einfach ist... Aber wenn man von mir schon ein Motto will, dann möchte ich mich doch den Engeln des Herrn anschließen, die zu den Hirten sagten: Fürchtet Euch nicht!

Carina Prange

CDs: Alfred Vogel - "Vogelperspektive Vol. 1 – 5" (Boomslang Records)

Alfred Vogel im Internet: www.traps.at

Boomslang Records im Internet: www.traps.at/boomslang

Fotos: Pressefotos

© jazzdimensions 2012
erschienen: 20.12.2012
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