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Wolfgang Lackerschmid - "Braukunst der besonderen Art"

Eine Kunst ist es, als Vibraphonist ein international bekannter Jazzmusiker zu werden. Eine viel größere Kunst aber ist es wohl, ein deutscher Vibraphonist zu sein, der mit den Stars des Jazz auf der Bühne oder im Studio steht: Wolfgang Lackerschmid ist seit den siebziger Jahren gleichermaßen als Vibraphon-Virtuose und Komponist erfolgreich.

Wolfgang Lackerschmid

Davon abgesehen schreibt Lackerschmid Film- und Theatermusiken, steckt im Besonderen viel Herzblut in Musik für Kinder - und leitet "nebenbei" einen eigenen Musikverlag. Das neueste Album dieses Künstlers nun heißt "Magic Brewery" und kommt tatsächlich mit einer geballter Ladung groovenden Jazz daher…

Carina Prange sprach für Jazzdimensions mit Wolfgang Lackerschmid

Carina: Du bist Vibraphonist, spielst aber auch ansonsten alles, was man perkussiv bedienen kann - was denn beispielsweise und wie hat sich deine Leidenschaft und letztlich deine Berufung in diese Richtung entwickelt?

Wolfgang: Ursprünglich bin ich Pianist, daher auch mein melodisch-harmonischer Anspruch! Das Vibraphon ist einfach das ideale Instrument um auch das rhythmische Element entsprechend auszuloten und auszuleben. Im Grunde genommen nutze ich jedes Instrument um einfach Musik zu machen oder zu erschaffen, natürlich auch insbesondere als Komponist.

Wolfgang Lackerschmid

Carina: Du betreibst ein eigenes Tonstudio, hast eine Plattenfirma namens "Sandra Music" betrieben und leitest heute dein eigenes Jazzlabel "hipjazz". In welchen Phasen siehst du sozusagen den Bandleader und Musiker im Vordergrund und wann bist du aktiver "Labelkämpfer"?

Wolfgang: Es geht mir einfach darum, meine Musik zu verbreiten, da ist es manchmal ganz praktisch, wenn man eine Produktion einfach so, wie man es sich vorstellt, veröffentlichen kann. So konnte ich zum Beispiel auch Ryans Debut Album auf den Weg bringen. Als Musiker und Komponist bin ich ebenso bei zahlreichen anderen Labels vertreten.

Das Tonstudio gehört bei mir einfach zum Handwerkszeug, damit ich jederzeit etwas aufnehmen kann, egal ob Jazzplatten, Songs, neue Kompositionen - auch im Bereich der Ernsten Musik, Auftragsproduktionen oder einfach Ideen.

Wolfgang Lackerschmid

Carina: Ein wichtiges drittes Standbein sind deine Kindermusicals und Auftragskompositionen für Theater, Film und Fernsehen – was ist für dich das Besondere an Musicalmusik für Kinder?

Wolfgang: Kinder sind in ihrer Hörgewohnheit noch nicht so festgelegt, daher sind sie auch offen für Jazz. Sie werden leider meist unterschätzt und oft mit sehr banaler Musik abgespeist.

Zum Glück gibt es aber inzwischen auch immer mehr Kollegen, die sich darum bemühen den Kindern gute und ehrliche Musik zu präsentieren. Musik für Kinder zu schreiben oder zu spielen ist für mich kein Schwerpunkt, aber wenn mir die Aufgabe gestellt wird, löse ich sie mit Liebe und Respekt.

Mein erstes Werk war 1988 das "Schneewittchen Ballett" für das Theater Augsburg. Daraufhin folgten diverse Kindermusicals für verschiedene Theater und schließlich die Produktionen und Liedvertonungen für die "Augsburger Puppenkiste".

"Paula und die Kistenkobolde" und "Lieder aus dem Koboldland" habe ich gemeinsam mit Stefanie Schlesinger geschaffen, die bei den Aufnahmen die Lieder auch singt und die Synchronstimme der Paula spricht. – Bei so manchen offiziellen Anlässen war ich dann schon sehr gerührt, wenn plötzlich ein paar Schulklassen unsere Lieder zum Besten gaben.

W. Lackerschmid Conn. - "Magic Brewery"

Carina: Hast du als Kind vielleicht "Jim Knopf und Lukas, der Lokomotivführer" gesehen und dich davon anregen lassen, später selbst für die "Augsburger Puppenkiste" Musik zu schreiben?

Wolfgang: Natürlich habe ich als Kind alle Folgen mit Begeisterung gesehen! Inspirationen kommen bei mir aber nicht durch bereits bestehende Dinge, sondern durch neue Aufgaben. Im Falle von "Paula" waren es einfach die Liedtexte, die zu vertonen waren.

Also, stimmige Melodien und Harmonien dazu finden, natürlich jedem Lied seinen eigenen Rhythmus und die passende Stimmung geben – und vor allem: Die ganze Musik "handgespielt" mit echten Instrumenten und guten Musikern aufzunehmen.

Aber die "Puppenkiste" hat ja auch Produktionen für Erwachsene, so hatte ich zum Beispiel auch die Musik zum "Sommernachtstraum" zur Hälfte neu arrangiert und zur Hälfte komponiert.

Carina: Und was inspiriert dich, wenn es um Musik für Theater oder Film geht?

Wolfgang: Der Aufgabenbereich ist da sehr unterschiedlich. Bei szenischer Musik geht es darum, abstrakt Stimmungen hervorzurufen, zu vertiefen oder auch zu verändern, kommende Handlungen emotional vorzubereiten etc.

Beim Film kann man dies auf den Bruchteil einer Sekunde zur Handlung anlegen, beim Theater muss man entsprechenden Spielraum mit einkomponieren, da eine Szene oder ein Umbau bei den Aufführungen nicht immer dieselbe Länge haben. Aber auch da gibt es wiederum konzertante Passagen, wie etwa Songs bei Musicals, die dann für sich stehen.

Meine letzte große Theaterproduktion war das Musical "Ghetto" für das Ulmer Theater. Ich hatte aus den handgeschriebenen Originalmelodien eine komplett neue Fassung für kleines Orchester und Jazzband geschaffen.

Carina: Zu deinem neuen Album: wie kam die Besetzung der Wolfgang Lackerschmid Connection zustande und was macht die Mischung dieser Musiker und deren Spezialrezeptur für die "Magic Brewery" aus?

Wolfgang: Bei der Zusammenstellung einer solchen Jazzformationen geht es zunächst einmal darum, die Musikerpersönlichkeiten passend zusammen zu bringen.

Als Leader und Komponist überlege ich mir die Besetzung, die, hier mit Trompete, Vibraphon, tiefem 5-saitigen E-Bass und einem agilen Schlagzeug, bereits eine klangliche Auslotung hat, bei der alle Instrumente immer gut hörbar sind.

Manche Konzerte spielen wir akustisch. Außer dem E-Bass ist nichts verstärkt. Auch wenn das Schlagzeug vollen Einsatz gibt, sind Trompete und Vibraphon aufgrund ihres eigenen Frequenzspektrums immer gut hörbar.

Aber viel wichtiger ist eben, wie diese individuellen Virtuosen musikalisch und menschlich zusammenpassen. – Im Fall der neuen "Connection" hatte ich so eine ideale Zusammensetzung gefunden, dass ich immer noch täglich bei unseren Konzerten neu überrascht bin.

Entsprechend reduziert sich hier meine Arbeit als Komponist darauf, inspirierende Themen zu schreiben, die dann bei jeder Aufführung von dieser Band in einer ständigen Konversation immer neu interpretiert werden.

Carina: Es wird zwar nach außen sehr deutlich, wer der Chef ist, aber sowohl Mark Egan als auch Ryan Carniaux sind selbst international bekannte Berühmtheiten. Wer muss hier wessen Ego bei Bedarf bauchpinseln?

Wolfgang: So eine Frage stellt sich uns gar nicht. Gerade weil wir alle unsere musikalischen Vorstellungen in eigenen Projekten erfüllen, können wir uns auch ohne "Egoprobleme" voll für die Musik der jeweiligen Kollegen einsetzen. Ich spiele selbst auch als Gast mit viel Freude bei ganz anderen Formationen.

Das Konzept der Connection basiert zwar hauptsächlich auf meinen Kompositionen, bezieht aber jeden Einzelnen so ein, dass die gespielte Musik ein gemeinsames Ergebnis ist. Das sieht man auch daran, dass jedes Bandmitglied auch bei dieser anstrengenden Tournee menschlich und musikalisch immer mit bester Laune und höchstem Einsatz dabei ist.

Wolfgang Lackerschmid

Carina: Eine sehr witzige Idee sind natürlich die Bierdeckel zum Album "Magic Brewery". Bei Bier denkt man eher an "Handfestes" und an "Gaudi". Ist denn auch etwas für kultivierte Weinliebhaber oder abstinente O-Safttrinker dabei – oder kann das magisch gebraute Produkt als Ersatz für Alkoholgenuss verstanden werden? Sozusagen eine "vergeistigte" Braukunst?

Wolfgang: Der Titel bezieht sich alleine auf das letzte Stück der CD, bei dem wir zu den faszinierenden Geräuschen eines "Holzelevators" – eines riesigen alten Förderbandes in einer stillgelegten Brauerei - assoziativ improvisiert hatten. Dass inzwischen bei den Medien die ganze CD als "magisches Gebräu" bezeichnet wird, freut und ehrt uns natürlich. Der Bierdeckel war als kleiner Gag zur CD einfach naheliegend.

Carina: Bekannt sind deine Einspielungen mit Chet Baker. Mit "Lady F" folgt nun ein Stück mit Trompete und Vibraphon – inwieweit dockst du hier an alte Zeiten an?

Wolfgang: Die Zusammensetzung von Trompete und Vibraphon hatte mich schon immer fasziniert. Bei meiner ersten eigenen LP 1977, war z.B. Herbert Joos an Trompete und Flügelhorn. Als ich Chet bei einem gemeinsamen Abendessen (jeder hatte bei einem Festival mit seiner Band gespielt) erzählte, dass ich gerade an einem Duokonzept für Trompete und Vibraphon arbeite, sagte er "I wanna do that".

Das hatte ich allerdings zunächst nicht so ernst genommen. Als dann von seiner Agentur plötzlich ein Anruf mit Studiotermin kam, bin ich zunächst etwas erschrocken, habe aber dann noch am selben Tag die Ballade "Why Shouldn't You Cry" komponiert.

"Lady F." entstand im vergangenen Jahr während unserer Aufnahmen über Nacht, weil ich spontan noch Lust darauf hatte, für Ryan eine neue Ballade zu schreiben. Die Stimmung des Stücks knüpft an die Balladen an, die ich damals für Chet komponiert hatte, musikalisch ist die Komposition aber, nach einigen Jahrzehnten, wesentlich anspruchsvoller. Wenn das beim einfachen Hören nicht auffällt, liegt es daran, dass sie auch in diesem Niveau ganz selbstverständlich – und mit Fokus auf die Emotion – gespielt wurde.

Carina Prange

CD: Wolfgang Lackerschmid Connection - "Magic Brewery" (hipjazz 007)

Wolfgang Lackerschmid im Internet: www.lackerschmid.de

HipJazz Records im Internet: www.hipjazz.net

Fotos: Pressefotos

© jazzdimensions 2013
erschienen: 20.10.2013
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