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Taraf de Haïdouks

Passionskirche, Berlin, 21.11.2002

Ganz Rumänien ist von den Römern besetzt? Nein, ein kleines unbeugsames rumänisches Dorf leistet erfolgreich Widerstand. Ihre Geheimwaffe ist aber im Gegensatz zum gallischen Pendant kein Trank, sondern eine Art verzaubernder Musik, die zudem mit einer atemberaubenden Geschwindigkeit vorgetragen wird.

Taraf de Haïdouks

Clejani, ein kleines Dorf in der Walachai. Dort leben die "Lautari", Berufsmusiker, meist Roma, die auf Hochzeiten und anderen Festen aufspielen. Als die Lautari des Dorfes Clejani 1989 von einem Belgier für den Westen entdeckt wurden, entwickelte sich aus dem losen Verbund an Musikern eine Stammbesetzung heraus. Sie gaben sich den Namen "Taraf de Haïdouk", was soviel bedeutet wie Orchester der Rebellen. Haiduk war ein Freiheitskämpfer des 18.Jahrhunderts, der mit seinen Getreuen die Reichen beraubte und das Erbeutete den Armen gab.

Seit der Entdeckung 1989 schickten die Rebellen sich an, die Welt mit ihrer Musik zu erobern. Sie unternahmen Feldzüge quer über den Globus. Im November des Jahres 2002 führte der Weg das Haiduken-Orchester in die Hauptstadt der Teutonen. In der Passionskirche, in der sich die Gäste auf viel zu engen Kirchenbänken quälten, vergaßen sie ihre Rücken- und Kniebeschwerden ziemlich schnell.

Das musikalische Feuerwerk begann mit dem Titel "Intoarcerea cailor magica" (Die Rückkehr des magischen Pferdes), in dem besonders der Flötenspieler Gheorghe Falcaru seinem Instrument unendlich viele und unterschiedliche Töne entlockte. Das ganze Konzert wurde dann langsam zu einem Hexenkessel gesteigert. Gespielt wurden Stücke der 2001 erschienenen CD "Band of Gypsies", aber auch die der vorangegangen Platten "Dumbala Dumba" und "Honourable brigands, magic horses and evil eye".

Immer wieder kamen und gingen die Musiker, mal spielten sie zu fünft, mal alle 13, mal zu Zehnt. Die Tradition der wechselnden Besetzungen der Lautari wird auf diese Weise fortgesetzt, indem verschiedene Titel mit verschiedenen "Teams" interpretiert werden. Neben den traditionellen Elementen kommen moderne hinzu: in Jazz-Manier werden Solos intoniert, jedes Mitglied des Orchesters erhielt den Raum, seine Virtuosität zu präsentieren.

Der Cymbal-Spieler Cristinel Turturica, der unscheinbar in der letzten Bühnenreihe hinter seinem Hackbrett-Tisch seine Klöppel schwang, enpuppte sich schnell als wahrer Meister seines Faches. Seine ernste Miene wich einem offenem Lachen von einem Ohr zum anderen, spätestens als der Geiger Paul Giuclea die monströse Kirchenkanzel erklomm, und mit seinem Spiel von oben herab das Publikum verzückte. Jeder der Musiker hat seine unverwechselbare authentische, kantige, oder humorvolle Art. - Turturica und Giuclea seien hier stellvertretend für alle anderen erwähnt.

Bei der Zugabe löste ein Teil des Publikums das Problem mit den zu engen Kirchenbänken, indem es die Bühne stürmte und mit den Musikern zum gemeinsamen Tanz aufrief. Kinder, Frauen, Junge und Alte bevölkerten die Fläche und feierten die Magie der Zigeunerklänge.

Man könnte annehmen, die steile Karriere solch begabter Musiker habe ihr Spiel zur Routine verkommen lassen, bei der die Titel stur heruntergefidelt werden. Mitnichten. Die 13 Musiker legten eine Spielfreude an den Tag, von der ersten bis zur letzten Minute. Sie haben sich ihre Ursprünglichkeit und Authentizität bewahrt - Es war ein schöner Abend. Die Römer können kommen.

Maximilian Vollendorf

Tourdaten und Info unter: www.crammed.be/live

© jazzdimensions2002
erschienen: 27.11.2002
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