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E. S. T. - Esbjörn Svensson Trio

Tränenpalast, Berlin, Sa. 18.10.2003

Niemand konnte sich so recht daran erinnern, wann der Tränenpalast zuletzt so rappelvoll gewesen war. In Skandinavien wird E. S. T. schon seit Jahren wie eine Popband verehrt, und wie es scheint, haben die drei Schweden – zumindest in Berlin – längst eine ähnlich zahlreiche und fanatische Anhängerschaft.

Esbjörn Svensson Trio

Ihre Musik ist alles in einem: Jazz, Rock, Funk, Klassik ... Der Sound reicht von sphärisch über apokalyptisch bis hin zu rockig. Diese Mischung aus Freejazz und Rock mit den Stilmitteln des Pop muss es sein, welche gerade junge Leute der HipHop-Altersgruppe, deren Vertreter überproportional anwesend waren, in Scharen in ihre Konzerte treibt.

Dass in einigen Medien für 20:00 Uhr, in anderen für 21:00 Uhr angekündigte Konzert begann konsequent um 20:30 Uhr, und es war ein Heimspiel. Das Publikum stand von der ersten Minute an wie ein Mann vor der Band, die Atmosphäre elektrisiert, gespannt und erwartungsvoll. Im Grunde konnten E.S.T. gar nichts falsch machen, sie konnten es nur noch viel besser machen, als sowieso von ihnen erwartet. Und genau das taten sie.

Die Band spielte, mit einem glasklaren Livesound, überwiegend Stücke ihres neuen, hochgelobten Albums "Seven Days Of Falling". Alle drei Musiker boten eine unglaubliche Energieleistung, die um so beeindruckender war, als man das sichere Gefühl hatte, dass es ihnen wirklich Spaß machte, und sie nicht nur einfach ihr Programm abspulten. E.S.T. haben schon lange den Ruf, eine phantastische Live-Band zu sein, und diesem Ruf wurde das Trio mehr als gerecht.

Esbjörn Svensson – Kopf und Sprecher des Trios – 'spielt' nicht Musik, er 'arbeitet' sie. Der Pianist leistet Schwerstarbeit, spielt zeitweise wie in Trance. Er haut in die Tasten, zupft wild an den Saiten als wäre sein Piano eine übergroße Gitarre, spielt im Sitzen, Stehen, Liegen, klebt mit der Nase förmlich an den Tasten – über die seine Finger unglaublich schnell und sicher flitzen. Er ackert mit vollem Körpereinsatz, beißt sich auf die Lippen und verzerrt über lange Strecken das Gesicht, als würde er schrecklich Schmerzen leiden. Wenn schließlich der letzte Ton verklungen ist, lächelt er ins Publikum – bei dem er sich oft bedankt – , wischt sich das Gesicht ab und beginnt ein ums andere Mal eine lockere, heitere Konversation mit seiner begeisterten Zuhörerschaft, der er auch schon mal lautstark versichert, dass sie "Fucking great!" sei. Trotzdem, man kann sich des Eindrucks nicht erwehren, dass Svensson seine Stücke weniger beendet, als vielmehr mit Ach und Krach überlebt.

Während Svensson um sein Leben spielte, saß Dan Berglund auf seinem Hocker, zupfte seinen Bass und wirkte wie ein zufriedener, glücklicher Buddha. Aber wehe, wenn er losgelassen: Es ist unglaublich, was er mit seinem Kontrabass anzustellen vermag. Von E-Gitarre bis Didgeridoo, Berglund ist in der Lage, Klänge zu erzeugen, die man weder ihm noch seinem Instrument zutrauen würde. Dementsprechend fällt sein Szenenapplaus nicht weniger frenetisch aus, als der für Svensson.

Gleiches gilt für Magnus Öström. Ähnlich wie Svensson vergräbt er sich regelrecht in und zwischen seinen Instrumenten, mit denen er wie seine Kollegen Unglaubliches anstellen kann. Da trommelte er schon mal versiert wie ein Percussionist mit Händen oder auch nur den Fingerspitzen, fährt mit den Schlagstöcken quietschend über ein Becken, so dass man Zahnschmerzen bekommt, um wenig später wieder auf sie einzudreschen wie das "Tier" der Muppet-Show-Band.

Nach zwei Stunden (ohne Pause) inklusive dreier Zugaben, die sich das völlig aus dem Häuschen geratene Publikum erklatscht, ertrampelt und erpfiffen hatte, war das denkwürdige Konzert schließlich zu Ende, und Svensson, Berglund und Öström entließen Hunderte von aufgekratzten, glücklichen Berlinern in die kalte Samstagnacht.

Peggy Thiele

mehr bei Jazzdimensions:
E.S.T. - Esbjörn Svensson Trio - "Seven Days Of Falling" - Review (erschienen: 29.9.2003)

© jazzdimensions2003
erschienen: 20.10.2003
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