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Ensemble Cornucopia - "Opus Magnum"

Ballhaus Naunynstraße, Berlin, 23.10.2004

"Palindrome, Krebse & die Alchemie der Töne" - Beißt sich sprichwörtlich die Katze in den Schwanz, bedeutet das nichts Gutes: Ein Argument, eine Erzählung hat keinen Anfang und kein Ende. Es ist paradox, also nicht gerade alltagstauglich. Oder doch? Schließlich hat Douglas Hofstadter in seinem Kultbuch "Gödel, Escher, Bach" gezeigt: Ungeachtet mathematischer Restriktionen sind sie allgegenwärtig, die seltsamen Schleifen...

Cornucopia

Endanfänge, Selbstbezüglichkeiten und ihre tierischen Verkörperungen, Schlange und Krebs, etwa als eines der sieben hermetischen Prinzipien der Alchemie: Eines ist Alles. Materia ist Schwingung, und Musik macht sie fassbar. Das fünfzehnköpfige Ensemble Cornucopia – u.a. Antonis Anissegos (p), Eran Boroviz (b), Johanne Braun (voc, oboe), Gaby Bultmann (fl), Tobias Dutschke (perc), Tim Florence (p, viol), Konstanze Friedrich (cello), Giorgios Sfiridis (Dirigent) – erinnert an diesem Abend an das alte Motiv des "Ouroboros", der sich selbst fressenden Schlange.

Auch in der Musik: Guillaume de Machauts Stück "Ma fin est mon commencement" (1350) mit seinen gegenläufigen Stimmen stellt das bereits vier Jahrhunderte vor J.S. Bachs Krebskanons und Fugen beispielhaft dar. Der alchemistische Arzt Michael Maier hat in seiner Fugensammlung "Atalanta fugiens" (1618) zugleich hermetische Symbolik und Weltsicht musikalisch verarbeitet. Auch die Motive der Reise, des Chaos und der Zerstörung tauchen an diesem Abend auf, sind sie doch alle Verwandlungen im Immergleichen.

Bereits am Anfang hatte Daniele Ruzziers Tanz zwischen Himmel und Erde, Verzückung und Qual, auf "I quattro elementi" aufmerksam gemacht, die vier Elemente, Ingredenzien des hermetischen Wandels. Frappierend in seiner solistischen Reduktion ist das Stück "Monoton", das Johanne Braun (Oboe) mit endloser Zirkularatmung spielte: Eine Bewegung um einen Ton und seine Obertöne, und um sich selbst als Spielerin. Zwingend führte Cornucopia auch Dmitrj Schostakowitsch' Präludium als Veränderung vor: In seine Idylle bricht eine Katastrophe ein – ganz anders als Jean Fery Rebels akustischer Schöpfungsknall in "Le Cahos" (1737). Das ersehnte Gegenteil des Präludiums, der Frieden, erstrahlt in Verleih uns Frieden (Komponist und Dirigent: Paul Mertens) umso heller.

Dem Motiv von Bewegung als Verwandlung verpflichtet sind an diesem Abend auch "Odiporiko 3" (Komponist und Dirigent: Giorgos Sfiridis), das von Taner Akyol beeindruckend schlicht vorgetragene "Hapisteler Ama" des Mystikers Mevlana Rumi (11. Jahrhundert), und, in der Fassung von Tim Florence, Schuberts "Winterreise", dessen Resignation und mattes Wandern den Schlußpunkt unter diese Vorführung setzte.

Mag der Besucher anfangs beim Durchblättern des geschmackvollen und informativen Programmhefts noch gezweifelt haben, ob denn das alchemistische Programm nicht zu abstrakt und kopflastig sei, also seine musikalische Umsetzung unanschaulich bleiben müsse: Am Ende, nachdem ihn Giorgios Kapoglous Szenerie und Tony Beilbys Lichttechnik für einen Augenblick in die Finsternis gestoßen hatten, tritt er blinzelnd, viele verstörend-schöne Eindrücke sortierend, auf die Straße. Wer hätte das gedacht: das Ballhaus als Reiseagentur?

Von Thomas Götzelt

© jazzdimensions2004
erschienen: 28.10.2004
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