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Quartet B - "Die Zauberer des Glasbergs"

B-flat, Berlin, 18. 5.04

Spielen mitreißenden Jazz oft diejenigen, die keine Jazzer "sind"? Überraschend wäre es nicht, denn viele dieser Musiker, vielleicht die meisten, global akkulturiert, wachsen längst mit Jazz und lokaler Tradition auf, setzen sich mit Unterschieden und Ähnlichkeiten auseinander und darüber hinweg. Denn das ist wohl die Kunst, die gewohnten Formen aufzuheben, sozusagen: zu spielen und zugleich haarscharf daneben zu liegen. Nichts anderes ist Improvisation, der gemeinsame Treffpunkt, und so haben sich musikalische Traditionen unverwechselbar erhalten ohne im Kontakt sich selbst und einander zu verlieren.

Mihály Borbély spielt mit dieser Einheit und Differenz, mit Identität und Unterschied in der ungarischen Popularmusik: Aktiver Musiker, dreißig Jahre im Geschäft, Duo-Partner des Pianisten Károly Binder, Mitglied der Folkgruppe "Vujicsics" und anderer Formationen; Lehrer an Konservatorien, zuletzt an der "Ferenc Liszt- Musikakademie" in Budapest. Stellt die Bandinstrumente vor: Kontrabass, Schlagzeug, Guitarre. Na gut, das übliche Inventar einer Jazzband. Was ist aber mit Tárogató (ein Holzblasinstrument, im Klang zwischen Klarinette, Oboe und Sopransaxophon), Tilinkó (eine Obertonflöte ohne Tonlöcher), Cimbalom (ein mit Schlegeln gespieltes Saiteninstrument, dem mitteleuropäischen Hackbrett und der iranischen Santour verwandt), Fujara (eine slowakische Hirtenflöte) oder Bouzouki? "Nicht gerade Jazzinstrumente, oder?", fragt Borbely augenzwinkernd in die Runde.

Was dann folgt, ist improvisierte Musik in Höchstform, Jazz oder nicht. Borbely bevorzugt das Sopransaxophon, das Chamäleon unter den Holzblasinstrumenten, setzt Tárogató, schwer zu spielen, Fujara und Tilinkó ein für das Lokalkolorit. Sein Ton ist schnörkellos, kräftig, doch warm, seine Improvisationen überraschend, doch einleuchtend, und scheuen nicht die schwierigen Obertöne. Besonderer Gast ist Zoltán Farkas am Cimbalom, der Düsterkeit und Jubel der Stücke angemessen umsetzt: Verhalten oder berstend, die Schlegel spazieren oder fliegen über die Saiten, Zuhörernerven, schlagen und zupfen sie sacht. Mihaly György an Guitarre und Bouzouki, geübt in Jazzrock und griechischer traditioneller Musik, vermag mit seinen Solos und im Mitspiel dem Lauf des Stücks den entscheidenden Dreh zu geben, spielt auf der Bouzouki frisch und ohne dicke mediterrane Farbaufträge. Balász Horváth (b) und Zsolt Sárvári Kovács (perc) liefern feine Texturen, setzen sorgfältig Schussfäden, aus denen sich die Solos aller Instrumente mühelos abzeichnen. Alle Stücke des Abends und der CD, sämtlich Kompositionen von Borbély, sind vortrefflich. Bewegend ist "Fekete felleg (Black Cloud)" zum Gedenken an den Flötisten Herbie Mann, zu dessen nostalgischen Roots-Album Borbély, György und Kovács mit Matyas Szandai (b) den Track "Jelek" beigetragen hatten.

Improvisation ist nicht Jazz. Ungebräuchliche Jazzinstrumente haben uns die Bergzauberer vorgeführt an diesem Abend, nicht zum Nachteil des Jazz. Die lokalen europäischen Musikstile, Ungarns und Südeuropas sowieso, sind offenbar springlebendig: Dort sind die einheimischen Folk-Traditionen zitierbar, nicht marginal wie in Deutschland, und geben die Medien ab, in die immer wieder neue Formen eingeschrieben werden. Das wunderbare Konzert der Musiker dieses Abends, die damit ihr aktuelles Album "Üveghegy/Crystal Mountain" (Fono FA-211-2) vorstellten, war darauf ein deutlicher Hinweis. Ich wünsche mir, "Quartet B" oder einzelne seiner Mitglieder könnten häufige musikalische Gäste in Berlin sein. Das sollte ihnen als Zauberern doch nicht schwer fallen.

Thomas Götzelt

© jazzdimensions2004
erschienen: 2.6.2004
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