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Elmau European Jazztival 2007
Schloß Elmau, 28.Oktober 2007

Das Gemälde, das im Foyer von Schloß Elmau hing, bevor das Feuer Teile der Gebäude verschlang, das den Gründer Johannes Müller portraitierte, ist verschwunden. Es hängt hinter einer Tür irgendeines Raumes, zwar sichtbar, aber verborgen. Schick ist es geworden. Keine Frage.

radio.string.quartet.vienna

Schloß Elmau, 28.Oktober 2007. Prolog, 16:00
Was abstößt, ist der Kleingeist, der regiert, Gäste, die sich zufällig verirren und ein Getränk verlangen, werden brüsk zurückgewiesen. Lediglich Hotelbucher dürfen auch kleine Annehmlichkeiten genießen. So die Schilder, die den Komplex abschirmen. Konzertbesucher, die lediglich ein Konzert besuchen, und dafür bezahlt haben, und nicht eine der herrlichen Suiten buchen, werden ausladend behandelt. Die Wiederherstellung des Anwesens ist gelungen, die Auswahl der Veranstaltungen, der Events, ist hervorragend, eines fehlt, der Stil. Es geht nicht um gehobene Preise, es geht nicht um die Veränderung. Solange Verbotsschilder zufällige, symphatisierende Kaffeebesucher ausgrenzen, fühlte ich mich selbst als zahlender Suitengast nicht willkommen.

Schloß Elmau, 28.Oktober 2007. Part I, 17:00
Ernst Reijseger, alleine mit seinem Cello, Cello an sich ist aufregend, Ernst Reijseger betritt die Bühne, es verbreitet sich Stille im Saal, er beginnt, nach wenigen Minuten klingen erste kleine, zaghafte Lacher aus dem Publikum, ein Schelm ist er, Ernst Reijseger, er verziert sein wahrhaftes Spiel mit kurioser Mimik, der gelebte Widerspruch zwischen ernsthafter Musik und gestischer Komik, sein Körper bebt, er zitiert bekannte musikalische Motive jeglicher Coleur, verfremdet sie zugleich, er kreiert eigene Muster, mit geschlossenen Augen, konzentriert, er fühlt sein Instrument, ein Telefon klingelt, irgendwo, Ernst Reijseger spiegelt die gnadenlose Impertinenz spontan in seiner Improvisation, die uns zu verstehen gibt, er sei imstande, dem Störenfried eiskalt die Kehle durchzuschneiden, er rast weiter, virtuos, er verzieht das Gesicht, reißt die Augen weit auf, folgt einer weiteren Idee, es könnte ein Bachzitat sein, er findet sogleich einen neuen Weg, singt dazu, er präpariert sein Instrument mit Wäscheklammern, geheimnisvoll zieht er sie aus der Tasche, heftet sie an die Saiten, wie ein Zauberer, der einen Trick präpariert, er nimmt sein Instrument, erhebt sich von seinem Platz, umschreitet das Publikum, den dunklen Raum, mit Instrument, wandelnd, übrigens ein Albtraum für die mitschneidenden Hörfunktechniker, er inszeniert eine kurze Liaison mit der albernen Palme, die der Schloßherr neben der Bühne dekoriert hatte, in die sich der Künstler wissentlich verheddert, er kehrt zurück auf die Bühne, persifliert repetierende Phrasen, wie wir sie aus der Elektromusik kennen, sein Spiel wird wilder, er zersägt das Holz, das er in Händen hält, klanglich und imaginär, mit der Kombination aus Virtuosität und Klamauk, einen dramaturgischen Höhepunkt markiert die Randale mit dem Cello im Schloßhof, er hatte sich durch die Seitentüre Ausgang in den Schloßhof verschafft, mit dem eisernen Stachel seines Instruments pflügt er über den neu verlegten steinernen Boden, Meter um Meter, die Schallwellen müssen bis ins entfernte Karwendelgebirge hörbar gewesen sein, Spuren seines Könnens werden am Folgetag von den Steinmetzen beseitigt werden müssen, er kehrt nach vielen Minuten schweißtreibender Klanggymnastik an seinen Arbeitsplatz auf der Bühne zurück, seine Zusammenarbeit mit afrikanischen Musikern wird klar, als er perkussiv auf das Celloholz einschlägt, er touchiert die C-Seite mit dem Kinn, während er über die anderen Saiten mit den Fingern fliegt, er entlockt dem Cello Schabegeräusche, er generiert Quietschgeräusche mittels Spucke und reibenden Fingern auf dem Korpus, akrobatisch dargeboten, er schwelgt in Obertönen, in rasenden Phrasen, in langen Sequenzen, seine Phantasie kennt keine Grenzen, ein ernsthafter Spieler, ein Kind im Herzen.

Wer ein wenig dieses Konzert nachempfinden will, dem sei "Colla Parte", eines seiner Alben, nahegelegt, Cello, solo, wie auf Schloß Elmau.

radio.string.quartet.vienna

Schloß Elmau, 28.Oktober 2007. Part II, 20:30
radio.string.quartet.vienna, die Entdeckung des Jazzfestes 2006, vielgelobt ob ihrer innovativen Interpretation des Mahavishnu Orchestras.

Wir erinnern uns, John McLaughlin gründete 1971 das Mahavishnu Orchestra, diese damals richtungsweisende Formation, eine Verschmelzung von Rock und Jazz, mit indischer Inspiration und eigentümlicher Rhythmik, eigenwiliger Harmonik. radio.string.quartet.vienna griff die damals revolutionäre Melange und arrangierte sie neu, für sich, für das klassische Streichquartett des neuen Jahrtausends.

radio.string.quartet.vienna wurde zum Jazztival 2007 auf Schloß Elmau eingeladen. Routiniert spielen sie die Lieder ihres seit des Jazzfestes aktuellen Albums, "Celebrating the Mahavishnu Orchestra", der Besitzer eines der Exemplare des Albums kennt jedes der gespielten Stücke, abgesehen von der Zugabe, bisweilen klingen die Stücke reifer, als die im Tonstudio eingespielten, manchmal temperamentvoller, zudem haben die vier Musiker und Musikerinnen sich Raum für Improvisationen gelassen, das Projekt, das sie ins Leben gerufen haben, verdient auf jeden Fall Aufmerksamkeit.

Sie spielen nicht nach, sie sind keine Epigonen, die eine längst vergangene Epoche heraufbeschwören, sie schaffen ein eingenständiges, authentisches Programm, von dem selbst John McLaughlin begeistert ist – er schreibt nicht ohne Grund die Linernotes des Albums. Vier Dimensionen treffen aufeinander, Rock&Roll, Jazz, Klassik, und die Zeit. Die Zeit, die es erlaubt, einen Blick rückwärts zu wagen und vorwärts zu gehen.

Das Publikum goutiert den Auftritt mit angemessenem Applaus, es reagiert nicht aufgeheizt, nicht zu kühl, wir bekommen eine Zugabe und werden freundlich gestimmt in die Nacht entlassen.

Maximilian Vollendorf

Elmau European Jazztival im Internet: www.schloss-elmau.de

Fotos: Lukas Beck (mit freundlicher Genehmigung von ACT Music)

© jazzdimensions 2007
erschienen: 16.11.2007
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