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Ingolstädter Jazztage 2008
Ingolstadt, Do. 6.11. - So. 9.11.2008

Ein 25-jähriges Jubiläum schraubt allerorten die Ansprüche in die Höhe – und so ließ Jan Rottau, der Leiter der Ingolstädter Jazztage zur diesjährigen 25. Auflage des arrivierten Festivals entsprechend den Kopf rauchen. Welche Künstler lädt man ein, um Akzente zu setzen? Wie spricht man damit gleichzeitig ein geneigtes Publikum an? Wie schafft man es, auf diese Weise ein Programm anzubieten, das nicht, was anderswo scheinbar die Regel ist, dem vieler anderer Festivals in der Republik ähnelt?

Five Peace Band (R. Dorn)

Keine leichte Aufgabe. Lange Rede, kurzer Sinn, sie wurde vollbracht. Selbst wenn der Gala-Abschlussabend gestrichen werden musste, weil Randy Newman krankheitsbedingt seinen Auftritt absagen musste – llein die Tatsache, dass diese Legende zusammen mit vielen anderen namhaften Künstlern im Programm stand, ist anzuerkennen.

Traditionell erfolgte der Festivalauftakt des "Kernfestivals" (einschlägiges Programm begann bereits am Sonntag, den 19.10.) am Donnerstagabend unter dem Motto "Jazz in den Kneipen", wo u.a. Tok Tok Tok und Caecilie Norby neben fünf weiteren Bands und Einzelkünstlern für regen Zuspruch sorgten und mithalfen, ganz Ingolstadt ins Zeichen des Jazz zu setzen. Für den abendlichen Abschluss mit Partystimmung sorgte im Hotel Ambassador im Norden Ingolstadts die Jazzkantine mit ihrem Programm "Hell's Kitchen". Insbesondere junge Leute erschienen hier zahlreich – spätestens wenn von Heavy Metal im Jazzkontext die Rede ist, fühlt sich offenbar auch die Jugend angesprochen und gemeint…

McLaughlin / Garrett (C. Pacher)

Absolutes und unangefochtenes Highlight des Festivals war am Freitag die Chick Corea & John McLaughlin "Five Peace Band" (Schreibweise ist richtig) – diese Besetzung toppte alles, was dieses Jahr auf Festivalbühnen zu sehen war. Allein die Tatsache, Chick Corea und John McLaughlin nach so vielen Jahren wieder gemeinsam im Konzert zu erleben, hätte für Furore gesorgt. Dass aber mit Kenny Garrett gleich ein dritter, ehemaliger Miles-Davis-Mitstreiter dabei war, konnte nur als grandios bezeichnet werden. Auch Vinnie Colaiuta am Schlagzeug zählte zu den Legenden an seinem Instrument und, last not least, Christian McBride komplettierte die Riege der Stars.

Kenny Garrett (R. Dorn)

Naheliegende Befürchtungen, dies könne nun ein konfus runtergespultes oder, noch schlimmer, langweiliges "Star"-Konzert ergeben, bewahrheiteten sich in keinster Weise. John McLaughlin überraschte das Publikum mit deutschsprachigen Ansagen und auch die anderen Musiker zeigten sich bester Laune – selbst Kenny Garrett, der unter einer starken Erkältung litt, die ihn zum Teil zu ungewöhnlichen Haltungen an seinem Instrument zwang, ohne aber seine großartigen Soli zu beeinträchtigen.

Die Fünf legten sich, physisch wie musikalisch, richtig ins Zeug – eine solche Begeisterung im Publikum hat es im Festsaal Ingolstadt sicher schon lange nicht mehr gegeben. Da wollte jeder einzelne Zuschauer am Schluss noch schnell sein persönliches Erinnerungsfoto auf dem Handy haben, von Standing Ovations ganz abgesehen. Als dieses Konzert vorüber war, hatten Zuhörer wie Musiker das Gefühl, an diesem Abend einem wirklich außergewöhnlichen Ereignis beigewohnt zu haben.

John McLaughlin (R. Dorn)

Den Abend beschlossen zur Jazzparty im Hotel Ambassador - auch hier allerhand Namedropping – keine geringeren als das Lars Danielsson Trio, die Wolfgang Haffner Band und die Brand New Heavies. Das Programm, das unterhaltsamen wie puristischen Jazz bot, fand begeisterte Hörer. Dass anschließend noch gejammt wurde bis nachts um Vier, sei auch noch kurz erwähnt. Hervorheben möchte die Autorin das Konzert der Wolfgang Haffner Band.

Deutschlands Vorzeigeschlagzeuger, selbst aus Bayern stammend, gab ein Heimspiel mit seinem Akustiktrio, das sich ausgezeichnet sehen und hören lassen konnte. Erstaunlich, wie rasant sich dieser Musiker weiterentwickelt – technisch wie musikalisch brillant und ohne jeden Zweifel zur Weltspitze gehörend. Einziger Wehrmutstropfen des Abends war der Auftritt der Brand New Heavies, deren Musik sich eben nicht mehr als "brandneu", sondern eher als "Schnee von gestern" erwies. Alles in allem aber war das tanzwillige Publikum doch einigermaßen angetan.

Herbie Hancock (R. Dorn)

Der Samstag zeigte sich dem Freitag vergleichbar hochklassig besetzt – mit dem illustren Herbie Hancock Quintet, dem legendären (und an diesem Abend für seine Verhältnisse kantigen) David Sanborn, dem Liro Rantala "New Trio", dem Saxophonisten James Carter und der aus der Schweiz zu Besuch gekommenen Sängerin Jamie-Wong Lee. Unlängst als eine der "neuen" Jazzstimmen gefeiert, überzeugte sie mit intensivem Gesang und entsprechender Bühnenpräsenz. Hier stand eine Frau mit ihrer Band auf der Bühne, die stimmlich und textlich genau weiß, was sie will und in der Lage ist, dies zu vermitteln. Allein von ihrer Band wünscht man ihr noch etwas mehr Rückhalt.

Zusammenfassend lässt sich sagen, dass die 25. Ingolstädter Jazztage als absoluter Erfolg zu verbuchen sind. Festivalleiter Jan Rottau gelang es erfolgreich, das bereits hohe Niveau der letzten Jahre noch zu überflügeln. Dieses Level für die kommenden Jahre zu halten, wird keine einfache Herausforderung bedeuten. Ob diese Herausforderung zu bestehen ist, wird sich zeigen. Mag auch Ingolstadt eine relativ kleine Stadt sein, die Ingolstädter Jazztage jedenfalls sind ganz groß!

Carina Prange

Ingolstädter Jazztage im Internet: www.ingolstaedter-jazztage.de

Fotos: Reinhardt Dorn, Dr. Christian Pacher

© jazzdimensions 2008
erschienen: 15.11.2008
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