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Ingolstädter Jazztage 2010
Ingolstadt, Do. 4.11. - So. 7.11.2009

Um es gleich vorweg zu sagen: die Ingolstädter Jazztage konnten ihre Besucherzahlen im Vergleich zum Vorjahr verdoppeln. Das liegt nicht daran, dass die Auswahl der Bands nun plötzlich nur noch nach "Massentauglichkeit" getroffen wurde. Sondern vielmehr an der Idee der Veranstalter, also Festivalleiter Jan Rottau und seinem Team, auch nicht extrem "Jazzpuristisches" zuzulassen.

Jamie Cullum im Festsaal Ingolstadt mit Publikum

Jamie Cullum beispielsweise sorgte für ein Publikum, dass teilweise um 40 Jahre unter dem sonst üblichen Altersdurchschnitt des typischen Jazzkonzertbesuchers lag. Und Paco de Lucia sorgte am letzten Festivalabend dafür, dass auch die spanische Gemeinde den Weg in den Festsaal der Stadt Ingolstadt schaffte. Integration durch Weltoffenheit sozusagen. Ganz passend bei den derzeitigen Diskussionen in Politik und Privatleben.

Mittwoch, 3.11.10

Die Rezensentin ließ es sich nicht nehmen, bereits am Mittwochabend, dem Tag ihrer Anreise in Ingolstadt, der jungen Ingolstädter Szene das Ohr zu leihen. Bernhard Hollinger, in Ingolstadt geborener Bassist, heute in Amsterdam studierend, gab sich mit etwas vom normalen Lineup abweichender Besetzung die Ehre: Trompete und ein anderer Schlagzeuger ergänzten den Bandsound.

Bernhard Hollinger

Ein dennoch gut eingespieltes Team mit abwechslungsreichem Repertoire war hier am Werke. Besonders schön rockig-groovend und basslastig das Stück "Limits of Control", zu dem sich Hollinger von dem gleichnamigen Jarmusch-Film inspirieren ließ. Mit guter Bühnenpräsenz, aber noch nicht ganz ausgefeiltem "Ansagen-Repertoire" ging es hier mit modern jazz und funkigen Nummern, auch mal latinmäßig zur Sache.

Donnerstag, 4.11.10

Bei Jazz in den Kneipen war wie immer ein breit gefächertes Programm geboten. Grundsolide und gut die Victor Bailey Group im Diagonal. Ebenso auf Begeisterung stoßend Sherman Robertson & Bluesmove in der Neuen Welt. Für Liebhaber der Gypsy Music waren die 16 Gypsy Strings angereist. Sehr viel bluesiger ging es bei Papa Legba's Blueslounge im Café Hohe Schule zu. Die Berliner Band Ma'Neko ließ in der Ouzerie Bar Funk, Soul und Pop hören. Und I-Fire sorgten im Swept Away mit ska-lastigen Bläsersätzen für Reggae-Gewitter. Im Kult-Hotel hatte sich die Formation BurgstallerMartignon4 der Verbindung von Jazz und Klassik verschrieben. Und Sängerin Lisa Wahlandt ließ im Hotel Rappensberger ihre Lieblingssongs im Jazzgewand erklingen.

Freitag, 5.11.10

Die Überraschung war dann doch groß für den "normalen Jazzbesucher", als vor dem Jamie Cullum-Konzert die Sängerin Nabiha die Bühne mit ihrer Band stürmte – auf Einladung von Cullum war sie mit dabei, was erst am Konzertabend so richtig klar war. Überraschung deswegen, weil es sich bei dieser Musik um Pop, um Hiphop, genauer gesagt: um laute Disco-Mucke für ein sehr junges Publikum handelte.

Nabiha

Und jung war das Publikum bei diesem Festsaalkonzert tatsächlich, Mütter mit ihren halbwüchsigen Kids wurden ebenso gesehen wie ältere Herrschaften, die sich aber überwiegend in die bestuhlten Ränge zurückgezogen hatten. Unten im unbestuhlten Saal tobte den ganzen Abend über das pure Leben. Nabiha ging mit Sexappeal zuwerke, sie mit Afrofrisur, wurde durch eine blonde, weiße Backgroundsängerin unterstützt. Das hatte was! Und es gab auch eine wichtige Gemeinsamkeit mit Jamie Cullum, beide sind nicht vom Wuchs her eher kleingeraten…

Nach kurzer Umbaupause ging dann der junge Meister des Abends mit seiner Band ans Werk. Das, was hier geboten wurde, war ein durchgestyltes Showbusiness-Programm der Extraklasse. Denn Jamie Cullum, das ist nur am Rande Jazz, man könnte es, wenn man denn den Titel "Jazz" im Namen drinlassen möchte, als "Pop-Speed-Jazz" bezeichnen. Im Grunde handelt es sich um Pop-Musik vom Feinsten. Jamie Cullum versteht es, um seine Konzerte und seine Musik einen wahren Kult zu kreieren. Das fängt mit der Bitte an, Fotos und Videos doch unter www.jamiecullum.com/events hochzuladen – keine Fotoverbote etc.

Jamie Cullum: Sprung

Und das geht weiter mit seinem Video vom Flügel, der in die Luft fliegt Stück für Stück, als Konzerteinstieg. Man kann sich fragen, wozu heute noch jemand die Beatles hören muss, es gibt doch Jamie Cullum: mit einer Stimme, auf die Robbie Williams neidisch sein sollte, mit einer Bühnenshow, die ihresgleichen sucht – auf den geöffneten Flügel klettert Cullum natürlich auch, um von dort auf die Bühne zu springen. Und überhaupt, der kleine Mann rockt ganz groß das Klavier, spielt viele Sequenzen einfach im Stehen, ist nicht aufzuhalten in seiner Agilität.

Und ob es sich wirklich um ein Problem beim Sound handelte, als der Flügel plötzlich zirpte und quietschte und die Band sich zu einem reinen Akustikstück hinreißen ließ (oder ob das zur Show dazugehört - wer will es wissen)? Diese Band spielt sich jedenfalls die Bälle zu wie kaum eine andere, ein durchgestyltes, hervorragendes Programm mit Witz, Ironie, einer großen Prise Punk und Kult. Und ein Publikum, für dessen "warmest response in the beginning" sich Jamie Cullum auch herzlich zu bedanken verstand. Da rockte der Saal. Im Grunde fehlten nur noch die in Ohnmacht fallenden Mädels, damit es wirklich und tatsächlich an die Pilzköpfe rankam, dieses Musikpaket aus Großbritannien.

Youn Sun Nah

Wer sich gleich weiter zur "Jazzparty I" in das Hotel NH Ambassador begab, mußte allerdings feststellen, dass keine Band des Abends an die Explosivität der Musik von Großbritanniens Exportschlager Jamie Cullum herankam. Youn Sun Nah & Ulf Wakenius verfolgten eine ruhige, aber auch experimentelle Richtung. Sie traten im kleinen Saal auf - ebenso wie Allan Holdsworth, der mit Chad Wackerman an den Drums und Bassist Ernest Tibbs perfekt bluesrockiges Material zum Besten gab. Holdsworth steht per se für das Soundfrickeln im Jazzrock – und wer so etwas hören wollte, wurde nicht enttäuscht.

Parallel waren im großen Saal zunächst L'Image klassisch-Fusionmäßig zugange. Steve Gadd an den Drums natürlich ein Star, aber auch Mike Manieri, David Spinozza, Warren Bernhardt, Tony Levin – alles wichtige Vertreter des groovenden Jazz. Spaß machte das Konzert, der absolute Überflieger war es dennoch nicht. Gefolgt wurde diese Band von Incognito, die schon Jamie Cullum nach dessen eigenen Worten inspiriert hatten. Incognito sind eine Soul-Jazz-Party-Band und diesem Namen wurden sie auch gerecht, es ging schon sehr fetzig zur Sache. Die Ingolstädter waren begeistert. Wer noch konnte, blieb bis in den frühen Morgen bei der Late-Night-Session – die Rezensentin schaffte das nicht.

Samstag, 6.11.10

Den zweiten Jazzparty-Abend "Jazzparty II" eröffnete im kleinen Saal des NH Ambassador-Hotels Deutschlands bekanntester Schlagzeuger Wolfgang Haffner. Er, der aus der Region stammt, konnte mit Christian Diener am Bass gleich einen "Neu-Ingolstädter" im Trio mit dem in Köln lebenden Hubert Nuss präsentieren. Haffners Musik der letzten Jahre fand mit "Shapes", "Acoustic Shapes" und "Round Silence" Eingang in viele CD-Schränke und ist bereits vertraut. Mit großer Präsenz und ebensolcher Präzision spielte das Trio vor einem begeisterten Ingolstädter Publikum.

Wolfgang Haffner

Hier gab es viel Feedback von der Bühne ins Publikum und zurück. Grundsolider Jazz mit in den letzten Jahren zunehmender Konzentration auf die Schlagzeugsoli. Melodiös und unprätentiös, herzlicher Jazz voll Freude gespielt und vom Publikum aufgenommen. Wolfgang Haffner folgten die japanischen Soil & "Pimp" Sessions nach. Es soll sich hier wohl um eine "innovative Form des Alternative Jazz" handeln. Nachprüfen konnte das die Rezensentin nicht, die vielzu beschäftigt war mit den Konzerten, die zeitgleich im großen Saal stattfanden. Aber es gab wohl definitiv Fans und Besucher des Konzertes der optisch schrägen Vögel des Jazz.

Mit DePhazz kam zunächst typische Party-Mucke auf die Bühne des großen Saals. Dankbar nahm das Publikum diese an, und natürlich macht solche Musik eben einfach Spaß. Ein Groovegewitter sondergleichen legte nach anfänglichen Mikrophon-Schwierigkeiten, die aber vom Keyboarder schnell behoben wurden, Omar Hakim mit seiner Band hin. Es ist unglaublich, was dieser Mann auf dem Schlagzeug zu spielen vermag. Und es wundert ja auch keinen, dass er so ein Tausendsassa ist, hat er doch schon den Sound von Miles Davis, Madonna, Sting oder David Bowie verzaubert. Ein monströses Schlagzeugset, von dem Hakim auch gerne alles an Equipment bedient, zu den Basslicks von Jugendfreund Jerry Brooks und dem fusionlastigen Sound der restlichen Band, das hinterlässt Eindruck. Abgesehen davon, dass Hakim ja auch noch singt und dazu Perkussion spielt und mehr. Ein hervorragendes Konzert und ein gewaltiger Sound! Ola Onabule sorgte dann anschließend mit seiner Band für einen schmachtenden Gesangsausklang des zweiten Jazzparty-Abends. Schöne Musik zum Träumen und zwischendurch auch mal geweckt werden aus den Abendträumen, wenn es etwas lauter wird. Anschließend folgte erneut die Late-Night-Session.

Sonntag, 7.11.10

Paco de Lucia zu den Jazztagen einzuladen, auch wenn es mit seiner Flamencoformation mit Tänzer war, hat natürlich seine Berechtigung: spielte doch de Lucia auch schon mit Al DiMeola und John McLaughlin so "richtigen" Jazz. Ein Flamencoabend im Festsaal Ingolstadt bildete also den krönenden Abschluß der diesjährigen Jazztage. Paco de Lucia lässt es sich in seinen Konzerten nicht nehmen, den Abend solo auf der Bühne mit dem ersten Stück zu eröffnen. Es handelt sich um eine nahezu göttliche Musik, die de Lucia seiner Gitarre entlockt.

Paco de Lucia & Band

Die super eingespielte Band, die beiden schmachtenden, leidenden Sänger, der phantastische Tänzer, all das läßt einen Abend aus zwei mal einer Dreiviertelstunde zu einem unvergesslichen Erlebnis werden. Das Publikum applaudiert von Anfang an mit enormer Kraft. Die Band dankt es mit noch mehr Einsatz, der Tänzer steigert seinen Tanz bis zum Exzess. Sowas hat Ingolstadt so wohl auch noch nicht gesehen und gehört. Und, um auf das Gitarrespiel de Lucias zurückzukommen, man wird das Gefühl nicht los, dass die linke Hand über dem Schallloch ein Eigenleben führt, völlig losgelöst in kreisenden Bewegungen werden hier Töne angeschlagen, die in Crescendi kulmieren. Was für ein fulminanter Abschluß eines großartigen Festivals!

Carina Prange

Ingolstädter Jazztage im Internet: www.ingolstaedter-jazztage.de

Fotos: Jamie Cullum mit Publikum, Nabiha, Paco de Lucia: Birgit Gebhard; Youn Sun Nah, Jamie Cullum Sprung: Oelschlegel, Haffner, Hollinger: n.n.

© jazzdimensions 2010
erschienen: 14.11.2010
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