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Jazztage Leipzig 2010
Leipzig, 23.9.-3.10.2010 (Festivaltage 30.9.-2.10.2010)

Diese drei Highlight-Festivaltage in der Leipziger Oper werden sicher kontrovers diskutiert worden sein – zumindest das letzte der Konzerte, denn immerhin ist mehr als die Hälfte der Besucher während der knapp zweistündigen Darbietung von Steve Colemans Five Elements Band gegangen. Unbegründeter, aber nicht unverständlicher Weise. Aber dazu später mehr.

Zunächst einmal sei den Festivalbetreibern, allen voran dem künstlerischen Leiter Stefan Heilig, ein ganz großes Lob für den Mut ausgesprochen, an den drei Abenden gewagte Mischkonstellationen auf die Bühne zu bringen und eine erstklassige Auswahl zu treffen. Zur Location: inzwischen im dritten Jahr finden die Konzerte im ehrwürdigen Rahmen der Leipziger Oper statt, einer Bühne mit großartiger Akustik, ein unglaublich schöner Ort für die Musiker, aber auch zum genussvollen Hören für das Publikum.

NDR Bigband

Der Abend des 30.9. stand ganz im Zeichen von 20 Jahre deutsche Einheit, von musikalischen Begegnungen im ehemals west-ostdeutschen Beziehungsverhältnis, anders gesagt: Musiker verschiedener Generationen, Orientierungen und bunt aus der Bundesrepublik zusammengewürfelt durften sich auf der Bühne austoben. Den Anfang machte die NDR Bigband unter der Leitung von Rainer Tempel - ein Nord-Süddeutsches Konglomerat also. Die Musik und die Bühnenpräsenz zeichneten sich durch humorige, herzhafte Kompositionen mit viel Eigenständigkeit aus. Jim Black glänzte am Schlagzeug und die Solisten glänzten in ihren Einzelparts. Der Hörer wurde durch ein abwechslungsreiches Programm geleitet. Die NDR Bigband ist für ihre Güte bekannt, Rainer Tempel für seinen Ideenreichtum. Hubert Nuss zeigte sich in akzentuiertem, herausragenden Klavierspiel von seiner besten Seite (obwohl eigentlich Vladyslav Sendecki als Pianist angekündigt war). An diesem Abend spielten die Musiker alle vor fast ausverkauftem Haus, die Journalisten mussten auf der Treppe sitzen oder sich in die Logen des zweiten Ranges begeben - was keine sonderliche Unbequemlichkeit darstellte.

Anschließend trat das Acoustic Art Ensemble auf den Plan. Die Band trat in dieser Besetzung und mit diesem Programm wohl zum ersten Mal auf. Dies Premiere von den Saitenkünstlern Thomas Fellow, der aus Leipzig stammt, Stephan Bormann und dem an türkischer Gitarre und Perkussion spielenden Reentko Dirks klang gut. Die besondere Note verlieh den Stücken jeweils das Sopransaxophonspiel des Berliners Volker Schlott. Und bereits erwähnte türkische, zweihalsige Gitarre sorgte für spannende Zwischennuancen. Die Ansagen von Thomas Fellow waren zwar manchmal etwas langatmig und gewollt witzig, aber das tat dem dynamischen Konzert keinen Abbruch. Besonders schön und wachmachend war die Zugabe, die sich an einen Stilmix von Pop bis Rock bis Jazz machte, der herzerfrischend war.

Till Brönner

Das Duo Till Brönner und Günther "Baby" Sommer schließlich zeigte, dass der Popjazzer Brönner mit dem Freejazzer Sommer nicht nur gemeinsam auf die Bühne gehen kann, sondern dass die beiden auch eine gemeinsame Sprache der Improvisation finden können. Gegenseitiges Gespür und Gehör für und auf die Klangsprache des anderen war Voraussetzung und wurde auch hervorragend und impulsiv bzw. expressiv gesprochen. Ein beim – übrigens für Jazzpublikum in Großstädten doch wesentlich niedrigeren Altersdurchschnitt – gut angekommenes Unterfangen. Man kann sagen, dass in Leipzig der Jazz auch für jüngere Menschen wieder salonfähig wird - sicher auch aufgrund der hohen Anzahl von Musikstudenten, aber nicht nur… Wer noch nicht genug hatte, konnte um 23.59 noch zur Jamsession in die NaTo gehen, mit der Eröffnungsband Telegraph. (Die Rezensentin hatte genug.)

Full Blast

Am Freitag, 1.10.10. wurde von sehr freier Improvisation über rockig-bis-wurlitzermäßiges bis zu Nachwuchsjazz der Bogen gespannt. Der "Opener" des Abends waren Freejazz-Urgestein Peter Brötzmann mit den Weggefährten Marino Pliakas und Michael Wertmüller als Full Blast. Die drei zündeten, wie der Bandname versprach, ein fulminantes Feuerwerk, dass es eine helle Freude war. Und Peter Brötzmann lässt nicht nach in seiner Art, sein Saxophongewitter durch den Raum zu blasen – frech und frei und dennoch feierlich und frisch zugleich. Allein bei der Betrachtung des klatschnaß gesschwitzten Hemdes des Schagzeugers war klar, welch musikalischen Marathon die drei dort auf der Bühne absolvierten.

Mit dem Trio der Leipziger Nachwuchspreisträger von Three Fall, Lutz Streun, Tilman Schneider und Sebastian Winne gab man den Jungen die Möglichkeit, auf ganz großer Bühne zu stehen. Auch wenn zu merken war, dass "Three Fall" vor so großem Publikum und in so einem großen Saal noch nicht gespielt hatten, es hat Freude gemacht. Es war Streun, Schneider und Winne anzuhören und anzusehen, dass sie ihren Auftritt genossen und Ideen und Können im Gepäck sind.

Medeski, Martin & Wood

In bekannter und vielleicht inzwischen zu eingespielter Manier kamen dann Medeski, Martin & Wood auf die Bühne, Importjazz aus dem Ursprungsland des Jazz, den Vereinigten Staaten von Amerika. Am beeindruckensten dabei ist und bleibt das urige, massive Equipment von John Medeski, der mit Konzertflügel, Wurlitzer, Moog-Synthesizer, Hammondorgel und Clavinet Hohner D6 einen größeren Teil der noch größeren Bühne für sich beansprucht. Etwas zu dominant erscheint inzwischen aber auch sein Stellenwert innerhalb des Trios, dreht sich doch alles musikalisch auch sehr um ihn. Selbstverständlich waren bei diesem Konzert sehr guter Sound, erstklassige Musik und viel Groove.

Thärichens Tentett (Steffen Pohle)

Der Auftakt zum dritten Abend der Mehrkonzert-Reihe, Samstag, der 2.10., stand im Zeichen einer Berliner "Mini-Big-Band", wie Thärichens Tentett oft liebevoll genannt werden. Der Pianist und Bandleader Nicolai Thärichen mit Frontsänger Michael Schiefel und seine Mitmusiker haben sich wie immer einem Konglomerat aus thematisch ähnlichen Gedichttexten verschrieben. Diesmal stand das "Abschiedsnehmen" im Mittelpunkt des Geschehens. Michael Schiefels vielseitige, für manchen Szenenapplaus sorgende Gesangskunst, die wunderbar unkonventionelle Kompositionskunst von Nicolai Thärichen und die souveräne instrumentelle Umsetzung der Band begeisterten so manchen. Amüsant wird es, wenn die Instrumentalisten sich als Backgroundsänger beteiligen müssen. Dramatik, Fun und Happiness.

Gefolgt wurde diese Band auf der Bühne von Nils Wograms Trio "Nostalgia". Etwas für Jazzpuristen, ausgefeilte Kompositionen, hochrangige Improvisationen und ein aufmerksamer Dialog prägten die Musik von Nostalgia. Posaunist Nils Wogram, Florian Ross an der Hammond und der wunderbare Dejan Terzic am Schlagzeug sind ein eingespieltes und eingefleischtes Team. Nichtsdestowenigertrotz wurde die Rezensentin das Gefühl nicht los, dass irgendwie die verfügbaren Noten eines ganzen Monats hier in einer Stunde im wahrsten Sinne des Wortes "verspielt" worden waren.

Steve Coleman & Five Elements

Und nun zum Höhepunkt dieses Abends und gleichzeitig zu dem Konzert, dass wohl noch eine Weile die Gemüter bewegt. Steve Coleman war aus den USA mit seiner Five Element Band angereist. Viele Zuhörer wussten (so steht zu vermuten) nicht, was auf sie zukommt und viele von denen, die davon eine ungefähre Vorstellung hatten, waren ebenso überrascht. Denn Steve Coleman, der sich kommentarlos mit seiner Band auf die Bühne stellte und knapp zwei Stunden ohne Pause durchspielte, hatte mit seiner percussion- und basslosen Besetzung einige Überraschungen auf Lager: Seine Musik forderte nicht nur vom Hörer ein Dranbleiben, ein sich Einlassen auf das Eintauchen in ungewohnte Klänge, die sich in linear verschiebender Paralellität anstatt in akkordischer Schichtung auftaten. Auch für Coleman selbst und seine vier Mitmusiker galt es, die große Herausforderung zu meistern, ganz präzise bei sich zu bleiben und dennoch Teil eines Ganzen zu werden.

Durch die daraus entstehenden Überlagerungen, das Aufeinandertreffen und sich Lösen innerhalb der einander immitierenden Stimmen, entstand ein unterschwellig durchaus melodiöser Gruppenklang. Spannend, aufregend und energiespendend ist die Musik für den, der tief einzutauchen wagt. Wer nach diesem Konzert nach Hause ging, wer es bis zur letzten Sekunde aushielt, der nahm einen Energiestrom mit nach Hause, der richtig wach machte. Was für ein Abschluss eines Festivals, das viel gewagt hat und hoffentlich angemessen honoriert und beurteilt wird!

Carina Prange

Leipziger Jazztage im Internet: www.leipziger-jazztage.de

Fotos: Pressefotos

© jazzdimensions 2010
erschienen: 6.10.2010
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