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Ingolstädter Jazztage 2011
Ingolstadt, Fr. 4.11. - So. 6.11.2009

Bereits "Jazz in den Kneipen" am Donnerstag, den 3.11. war wohl ein voller Erfolg im Rahmen der Ingolstädter Jazztage 2011: u.a. mit Olivia Trummer, Lisa Bassenge und Susan Weinert war in den Kneipen, Hotels und Theatern (insgesamt acht Bands in verschiedenen Locations) geballte Frauen-Jazz-Power vertreten.

Pat Metheny im Festsaal Ingolstadt

Angemerkt sei an dieser Stelle, dass hier lediglich vom energetischen Abschlusswochenende der immerhin doch vom 16.10. bis 6.11. dauernden Jazztage berichtet werden soll. Als weiteres Highlight sei außerdem die beliebte sonntägliche Festivalveranstaltung in der Kirche, diesmal "Gospel Power Soul", am 30.10. erwähnt. Nun aber zum Abschlusswochenende der Ingolstädter Jazztage...

Freitag, 4.11.11, Festsaal Ingolstadt: Pat Metheny

Der amerikanische Gitarrist Pat Metheny, einstiger Weggefährte von Jaco Pastorius, gehört zu den absoluten Stars des Jazz-Fusion-Genres. Mit seiner "Metheny Group", zu dessen Stammbesetzung der Keyboarder Lyle Mays gehört und die regelmäßig Star-Gäste bzw. musikalische Begleiter wie Chick Corea aufweist, hat Metheny massentaugliche Alben produziert und Bühnengeschichte geschrieben.

Dabei tat die Qualität und nahezu "heimliche" Komplexität seiner Kompositionen der Radiotauglichkeit und der unkompliziert rhythmisch-melodischen Darbietung nie Abbruch und setzt Maßstäbe. (Metheny brachte kürzlich ein Gitarren-Soloalbum heraus, auf dem er an seine Jugendjahre anknüpfte. Solistisch gekonnt umgesetzte Klassiker seiner Anfangsjahre sind hier als gitarristische Coverversionen eingespielt.)

In Ingolstadt war Metheny im Trio mit Bassist Larry Grenadier und Drummer Bill Stewart zu hören. Dabei stand Akustisches neben Elektronischem, Melodisches neben instrumentalistischen Kabinettstückchen. Mal spielte die Songführung die Hauptrolle, dann wieder das expressive Zusammenspiel oder sein Wechseldialog mit Genadier. Metheny leitet sein Trio mit Macht, gibt die Marschrichtung stets genau vor. Dabei steuert auch Bill Stewart mit seinem grundsoliden rhythmischen Fundament einen essentiellen Part bei.

Die Stücke boten ein breites Spektrum aus dem langjährigen musikalischen Schaffen Methenys – u.a. auch Kompositionen von Brad Mehldau, dem wohl derzeit großartigsten Pianisten des amerikanischen Jazz (mit ihm hat Metheny ein gemeinsames Projekt, das auch auf CD dokumentiert ist). Insgesamt ein hochintensives Konzerterlebnis, wenn auch zweilen zu befürchten stand, dass bei einem derartigen Notenverbrauch auf der Bühne für die anderen Konzerte der "Jazzparty I" schlichtweg keine mehr übrig sein könnten…

Freitag, 4.11.11, Hotel Ambassador: "Jazzparty I"

Fast nahtlos weiter ging es im Hotel Ambassador in der Goethestraße, Austragungsort der abendlichen "Jazzparty I":

George Duke

Hier heizte George Duke einer Fangemeinde (und solchen, die ihn vielleicht nur vage kannten – sein letztes Soloalbum, "Face The Music", erschien 2004), so richtig ein. Viele Jahre lang bewegte Duke sich eher hinter den Kulissen, stand in der Funktion des Produzenten auf der anderen Seite. So mancher Platte verhielf er dabei zu Auszeichnungen: So war er der Mann hinter "The Calling" von Dianne Reeves, das den Grammy in der Sparte "bestes Jazz-Vocal-Album" erhielt.

Selbstverständlich spielte Duke an diesem Abend alles, was Tasten hat, höchstselbst – vom Klavier über den Moog bis zum guten alten Clavinet und Wurlitzer-E-Piano. An seiner Seite der Drummer Gordon Campbell, Bassist Mike Manson und Jef Lee Johnson (sax). Ein funkiges (allerdings brechend lautes) Klangerlebnis der Extraklasse war das Ergebnis – das Publikum nahm es dankend auf.

Während dieses Konzert im großen Saal stattfand, zeigte Iiro Rantala im Nachbarraum solo am Flügel, dass er nicht nur mit seinem "Trio Töykeät" den Vogel abschießen kann, wenn es um witzige, auch parodistische, Jazzmusik geht. Seine aktuelle CD "Lost Heroes" indes erweist seinen Vorbildern alle Ehre.

Ganz konkret ging in Ingolstadt seine rührende Komposition "Tears for Esbjørn" unter die Haut; sein gar nicht so trauriger Errol Garner Memorial Song "Thinking Of Misty" sorgte im Gegenzug für eine luftig-lustige Stimmung. Kurz, Iiro Rantala "solo" bindet nicht nur die musikalischen Ideen seiner Helden aufs Brillianteste mit ein, sondern er ist auch ein begnadeter Alleinunterhalter am Klavier.

Weiter ging es im kleinen Saal mit dem Tingvall Trio. Der Schwede Martin Tingvall misst der Freundschaft unter den Musikern in seinem kubanisch-deutsch-schwedischen Projekt (Omar Rodriguez Calvo am Bass, Jürgen Spiegel am Schlagzeug) eine herausragende Rolle zu. Nach der Trilogie der Alben "Skagerrak", "Norr" und "Vattensaga" liegt beim neuesten Album "Vägen" das Gewicht stärker auf dem Gesamteindruck, der Atmosphäre der Kompositionen.

Stets kommt Tingvalls Musik ebenso nordisch-sphärisch wie (dank des Bassisten) kubanisch-leicht daher. Einen naheliegend erscheinenden Vergleich mit E.S.T. wehrt Tingvall ab. Esbjørn Svensson, sagt er, hätte er kaum gehört: "Er war in dem Sinne nie Vorbild für mich!" Was als Ähnlichkeit erschiene, mag diese Idee von nordischer Weite und Melancholie sein und deren Umsetzung in musikalische Ideen. Sei's drum – die Musik des Tingvall Trios jedenfalls trumpfte mit entspannten, getragenen Melodien ebenso auf, wie mit energetischem Drive – live wie auf CD.

Samstag, 5.11.11, Hotel Ambassador: "Jazzparty II"

Altbekannt und stets beliebt ist die Funk-Power Band Incognito, ein sich stets erneuerndes Kollektiv mit mittelgroßer Besetzung, dessen Leader Jean Paul Maunick auch die Gitarre spielt. Als immerwährender Publikumsmagnet sorgte die Band für ein gut besuchtes und beklatschtes Konzert im großen Saal.

Raphael Gualazzi

Zeitgleich spielte im kleinen Saal Raphael Gualazzi, der vor seinem zweiten Platz beim "Grand Prix d'Eurovision" hierzulande nahezu unbekannte italienische Jazzmusiker, Popstar und musikalische Verwandlungskünstler. Dabei kommt Gualazzi zunächst einmal relativ unspektakulär rüber, wie er auf der Bühne Platz nimmt und die Hände über den Keyboardtasten schweben lässt: ein normaler "italienischer Junge" sozusagen. Dann aber geht es los und wird richtig aufregend; Vergleiche mit Paolo Conte, in dessen Fußspuren man ihn verortet, kommen auf, sobald Gualazzi auf Italienisch singt.

Dabei quert Gualazzi, im Rücken eine Band, die richtig Pfeffer zu geben in der Lage ist, nach Belieben musikalische Genres wie Pop, Rock und mehr. Die Stimme dieses Künstlers ist ebenso wandlungsfähig wie sein musikalischer Ausdruck. Gualazzi wirft zwar im Jazz gerne mal Anker, sein Schiff jedoch kennt die unterschiedlichsten stilistischen Fahrwasser. Man wird in den nächsten Jahren noch viel von Gualazzi hören, ihm aber vielleicht nie wieder so nahe kommen, wie es an diesem außergewöhnlichen Abend in Ingolstadt möglich war.

Mike Stern folgte Incognito im großen Saal auf die Bühne nach und zeigte mit seiner Band, was Beständigkeit bedeutet: Sterns Musik gilt als eine der Konstanten im Fusionrock, sie steht felsenfest für gitarrentechnisches Können, immer dominiert von den blitzschnellen, in technischer Perfektion dargebotenen Melodieläufen seiner Gitarre: Drei Jahrzehnte Erfahrung und fünf Grammynominierungen perlen geballt aus den Instrumenten. Stern kann, das beweist er an diesem Abend, immer noch der Schnellste sein, ein unermüdlicher Protagonist des Jazz-Fusion-Sounds, den er bereits mit Miles Davis spielte. Dabei klingt Stern immer wie Stern – und die Zuhörer lieben ihn dafür. Auch diesmal wieder!

Etwas schwerer hatte es Saxophonist Magnus Lindgren, der nach nach Raphael Gualazzi die Bühne im kleinen Saal übernahm. Er stimmte eine Musik der leisen (im Vergleich zu Gualazzi jedenfalls), eleganten Töne an, in der Jazz und Samba zusammenflossen. Ob des Kontrasts – Lindgren und sein Quartet konnten die überschäumende Stimmung von Gualazzi auch unmöglich halten - dünnte das Publikum etwas aus. Anspruchsvolle und gleichzeitig schöne Musik war die Musik dabei durchaus. Um Gualazzi Paroli zu bieten, hätte sie jedoch mehr Biss benötigt (es hätte ja auch ein "sanfter Biss" sein können...).

Im großen Saal bildete den Abschluss des Abends das Konzert von The Bahama Soul Club, eine buntgemischte Band mit der Sängerin Pat Appleton am Mikro, die sich dem Jazz und Bossa Nova der 60er und 70er Jahre verschrieben hat. Kam gut an, weckte – anstatt Kaffee – die müden Glieder und erfüllte somit alle Erwartungen, die man an Partystimmung haben konnte.

So., 6.11.11, Festsaal Ingolstadt: Earth Wind & Fire Experience

Der Sonntagabend – und damit der letzte Konzertabend – gehörte einem altbekannten Klassiker des Funk, der Powerband Earth Wind & Fire. Allerdings nur "beinahe": da von den alten Earth Wind & Fire außer Gitarrist Al Mc Kay (der auch schon für die Temptations tätig war) nämlich niemand mehr übrig ist, trägt die Besetzung des Abends zusätzlich das Wort Experience mit im Namen, auf dass man ihr keine musikalische Mogelpackung unterstellt.

Earth Wind & Fire Experience

Zwar sind auch diese Jungs etwas in die Jahre gekommen, können aber als Meister des groovenden Sounds und des guten Funk-Geschmacks immer noch ein Publikum so richtig ins Schwitzen bringen. Waren die getanzten Einlagen der nicht mehr jungen Sänger auch teilweise etwas putzig anzusehen, ihr Gesang wirkte unerwartet frisch, ebenso wie die Band ihre Instrumente noch virtuos handhabt.

Das Publikum war überwiegend gleichaltrig zur Band, aber im Herzen junggeblieben, willens das Tanzbein zu schwingen und offensichtlich mit dem Repertoire bestens vertraut – und so wurde der Festsaal Ingolstadt für einen Abend zum "Boogie Wonderland". Ein guter, schwungvoller Abschluss eines ausgezeichneten Festivals.

Carina Prange

Ingolstädter Jazztage im Internet: www.ingolstaedter-jazztage.de

Fotos: Anton Knoblach (G.Duke, R.Gualazzi, EWF), Birgit Gebhard (P. Metheny)

© jazzdimensions 2011
erschienen: 22.11.2011
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