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winterjazz Köln 2012
Köln, Freitag, 13.01.2012

Natürlich ist das Vorbild eine Nummer größer – das 2012er "NYC WINTER JAZZFEST" wartete mit einem "Who is Who" der New Yorker Jazzszene auf, mit 60 Jazzbands auf fünf Bühnen an zwei Abenden bis tief in die Nacht. Ganz so gewaltig kommt die Kölner Ausgabe, das Festival "winterjazz köln 2012" (noch) nicht daher – wie auch, ist die diesjährige Veranstaltung doch die erste ihrer Art. Sicher aber nicht die letzte.

Laia Genc Trio im Saal

Die Inspiration für "winterjazz köln" kam Angelica Niescier, Saxophonistin, künstlerische Leiterin und Organisatorin, tatsächlich während eines New York-Besuchs und sie zog daraus den Schluss, "so etwas" auch daheim in Köln zu versuchen. In enger Zusammenarbeit mit der Initiative Kölner Jazz Haus e.V wurden an einem Abend auf drei Bühnen des "Stadtgarten" in Köln dreizehn verschiedene Bands präsentiert: Kölner Jazz. So frei, begeistert und begeisternd hat man ihn lange nicht – vielleicht noch nie – in so geballter Form hören und erleben können.

Ungewöhnlich war der Andrang. Man konnte sich des Eindrucks nicht erwehren, an diesem Abend erfreue der Jazz sich einer Publikumsmenge von "karnevaleskem Umfang" – und das ein paar Tage vor dem richtigen Karnevalstreiben. Da die Bands mit ihren Konzerten jeweils zeitversetzt begannen, wäre theoretisch ein "Bandhopping" möglich gewesen. Theoretisch, wie gesagt – denn wer einmal eingekeilt im Café-Restaurant des Stadtgarten, im Studio 672 oder im Konzertsaal stand, kam so schnell nicht wieder weg.

Klar, der Eintritt war frei. Aber dass in Köln ein derart großes Publikum die improvisatorischen und experimentellen Höchstleistungen der lokalen Jazzszene wahrnimmt, ist wohl auch auf die gelungene Mobilisierung der jeweiligen Fangemeinden der Musiker zurückzuführen. Mit Türsteher – "zwei Leute raus, zwei rein" – musste agiert werden, wie sonst nur bei Popkonzerten oder in der Disco.

A Si & Two No´s im Restaurant

Den Auftakt bildete Simin Tander, die in den letzten Jahren eine spannende Entwicklung durchgemacht hat und inzwischen für ihre höchst phantasievollen Jazzkonzept bekannt ist.

In Rahmen ihres neuen Trios A Si & Two No`s veranstaltete sie mit ihrer wandlungsfähigen Stimme akrobatische Höhenflüge, was auch die Jüngsten im Publikum – zwei Kinder (wohl unter vier Jahren) klatschten frenetisch Beifall – in Begeisterung versetzte. Christian Thomé ließ Drums und Elektronik zickzacklaufen, während Jörg Brinkmanns Cello ganz und gar nicht cellohaft, sondern passend zickig schief und zackig schräg erklang.

Als zweites herausgegriffen aus der buntgemischten, abwechsungsreichen Bandfolge sei die Hauptprotagonistin und Veranstalterin des Abends, Angelica Niescier mit "sublim". Niescier, die Kölnerin mit polnischen Wurzeln, hat sich in der deutschen Jazzszene inzwischen ganz nach vorne gespielt. Auf der Bühne zeigt sie den männlichen Kollegen regelmäßig, was eine Harke ist, und dass der "Saxophon-Urschrei" nicht nur einem Brötzmann vorbehalten ist.

In Situationen, wo andere zum Nervenbündel mutieren, erweist Niescier sich stets als Energiebündel: Das Konzert von "sublim" glänzte entsprechend mit frechem, expressiven Jazz, mit einer Frontfrau, die statt Marathon zu laufen (vom Energieaufwand sicher eine Alternative) als Ausdrucksmedium eben das Saxophon gewählt hat. Blubbernd, tobend, aber phasenweise auch sanft atmend kam hier ein Jazz zur Geltung, der in seiner Eigenständigkeit so leicht nicht nachzuahmen, geschweige denn zu ersetzen ist.

Angelica Niescier "sublim"

Angelika Niescier erinnerte sich auf der Pressekonferenz, wie sie sich beim New Yorker "NYC WINTER JAZZFEST" von der dort erzeugten Energie "sprichwörtlich weggeblasen" fühlte. Für wirkliches Wegblasen fehlt zwar im Kölner Stadtgarten der Platz; die Power reichte jedoch allemal, um an die Wand gedrückt zu werden.

Auch der Segen von ganz oben blieb nicht aus: Bürgermeisterin Angela Spizig erklärte bei der gleichen Gelegenheit nicht nur, dass Angelika Niescier "so wunderbar Saxophon spiele", sondern gab sich überhaupt von der "winterjazz"-Idee sehr überzeugt. Vielleicht ist also im Jahr 2013 ein mehrtägiges Festival möglich – mit etwas entzerrterem Programm und somit entzerrteren Publikumsströmen. Das wäre schön, denn ohne weiteres hergeben würde die vielschichtige Kölner Szene auch zwei Abende mit, sagen wir zwanzig, Bands.

"In Köln steigt was!", meinte Angelika Niescier zu mir im Vorfeld. "Ja - und Hut ab!", muss rückblickend die lobende Antwort lauten. Erstaunlich und überzeugend, was mit Energie, Organisationstalent und starkem Willen zu erreichen ist. Offensichtlich hat die Jazzfestivalwelt in Deutschland eine Bereicherung erfahren – mit "winterjazz Köln" ist in Zukunft zu rechnen. Und das ist gewiss keine Drohung.

Carina Prange

Mit dabei waren 2012:
Christina Fuchs "No Tango", Jens Düppes "kleiner Prinz", Angelika Niescier "sublim", Laia Genc "Liaison Tonique", Clemens Orth Trio, André Nendza Quintett, Tobias Christl "Wildern", a si & two no's, Anne Hartkamp Quintet, Philip Zoubek "philz 4", Ulla Oster "Chimäre", Peter Kahlenborn "Vesica Pisces", dus-ti.

winterjazz Köln im Internet: www.winterjazzkoeln.com

Fotos: Pressefotos (Hyou Vielz: 1,2; Gerhard Richter: 3)

© jazzdimensions 2012
erschienen: 27.1.2012
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