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Goran Kajfeš - "X / Y"

Im Zuge des Widerstands des physischen Tonträgers gegen die Download-Entmaterialisierung wirft nun auch Goran Kajfeš seinen Hut in den Ring: Sein aktuelles Doppelalbum "Y / Y" kommt in Form zweier CDs, die in ein attraktiv aufgemachtes Buch eingebunden sind; eine Darreichungsform, die sich sicher nicht als Bits und Bytes durch die Leitung pressen lassen. Aber nicht nur haptisch, sondern auch musikalisch überzeugt das Werk.

Goran Kajfeš - "X / Y"

Faszinierend ist, dass Kajfeš hier auf den zwei Scheiben Gegensätze kombiniert, die unvereinbar scheinen – die synthetische Welt der Elektronik und die der organischen Weltmusik. Außer der durch die Benennung "X / Y" des Gesamtwerks ist vom Künstler keine Reihenfolge vorgegeben, in der die CDs zu hören sind. Das Buch lässt sich überkopf von beiden Seiten aufblättern, wodurch sich mal die eine, mal die andere Platte als Anfang anbietet.

Beginnen wir wahlfrei mit "X", so stoßen wir in eine bunte, quirlige Welt vor, die sich, stilistisch schwer fassbar, zwischen Jazzrock und Weltmusik ausbreitet. Kajfeš präsentiert ein dreizehnköpfiges Ensemble, das er als Subtropic Arkestra (eine Assoziation zu Sun Ra mag gewollt sein) bezeichnet, von dem der bekannteste Einzelmusiker wohl Majid Bekkas (oud) sein mag, der der Musik auch einen deutlichen Stempel aufdrückt. Schon "X" stünde als hörenswertes Werk für sich alleine und wäre für eine Empfehlung gut.

Doch Kajfeš belässt es nicht bei diesem einen Statement, sondern kontert die integrativen, aus der Persönlichkeit der beteiligten Musikern gespeisten Klänge in Form von "Y" mit einem Gegenentwurf. Hierfür tut er sich mit dem Schweizer Synthesizerspezialisten David Österberg zusammen, der seine Kollektion aus analogen Vintageklangmodulen (von Doepfer bis Oberheim) einbringt, deren Sounds Kajfeš mit seiner Trompete überlagert. Der Kontrast zwischen synthetisch und organisch, der sich auch hier wieder ergibt, ist reizvoll, zumal Kajfeš ein ausgezeichneter Instrumentalist ist.

Im Buch findet man den gleichen Kontrast wie schon in den beiden musikalischen Parts. So enthält die "Y" zugeordnete Hälfte des Bandes streng artifizielle Fotos (Carl Kleiner) skurriler Instrumentenphantasien, zusammengesetzt aus Rohren, Ventilen, metallischen und natürlichen Materialien. Die Illustrationen zu "X" (verschiendene Künstler) dagegen sind kollagenhafter, beinahe surrealistisch und folgen, wie die Musik auf "X", keiner erkennbaren Ordnung. Im Prinzip stellt der schmucklos blaue Einband den einzigen "Kunstfehler" des Werkes dar – hier wäre es adäquat gewesen, gestalterisch mehr in die Offensive zu gehen.

Es ist zu wünschen, dass "X / Y" die Aufmerksamkeit erhält, die dem Werk zusteht. Man sollte aber nicht vergessen, dass es letztlich um die Musik geht, auch wenn sie, wie hier, noch so aufwendig verpackt ist. In diesem Fall verdient sie unbedingtes Interesse. Über den Rest freuen wir uns einfach.

Frank Bongers

CD: Goran Kajfeš - "X / Y" (Headspin Recordings/Edel HEAD 013)

Goran Kajfeš im Internet: www.gorankajfes.com

Headspin Recordings im Internet: www.headspinrecordings.com

Cover: Anna-Pi Lennstrand

© jazzdimensions 2011
erschienen: 20.11.2011
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