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Neil Young - "Le Noise"

Zufrieden lehnt Neil Young sich zurück und greift nach dem Telefonhörer: Nun, da die Demos aufgenommen sind, ist es an der Zeit, Crazy Horse ins Studio zu bestellen. "Halt die Hufe still, Neil!", ertönt Daniel Lanois Stimme aus dem Off, "das Ding ist doch fertig!" – Ob sich dies so zugetragen haben könnte, sei dahingestellt. Tatsache ist, dass Neil Youngs neue CD "Le Noise" beinahe nur mit Gitarre und Gesang auskommt. Roh? Sicher. Unfertig? Das dann doch nicht…

Neil Young - "Le Noise"

Zugegeben, der erste Eindruck ist wirklich der eines reinen Demos, immerhin fehlt Bass und Schlagzeug. Beim genauen Hinhören sind jedoch noch weitere Sound vorhanden, die sich durch die für Young typischen Gitarrenverzerrungen schieben und einen tragfähigen Klangteppich aus Echos, Loops und anderem Gewaber weben. Auch Songstrukturen schälen sich nach und nach heraus, Melodien arbeiten sich aus dem Teppich nach vorne, Töne gruppieren sich zu scheinbar Bekanntem und möglichem Neuem. Mehrmals hören ist unabdingbar.

Neil Young bringt für "Le Noise" acht neue Songs an den Start, geprägt durch sein Gitarrenspiel und seinen Gesang, an dem sich, wie üblich, die Geister scheiden werden. Hitverdächtig ist "Sign Of Love", in dem zwar Melodiewendungen aufscheinen, die man irgendwoher (aus anderen Young-Songs) so ähnlich schon kennt. Macht aber nichts (Zitat: "It's all one song!"). Young darf das, muss es vielleicht sogar, weil das Songschreiben für ihn aus dem Flow heraus geschieht, nie abgeschlossen ist und einer ständigen Mutation unterworfen. "Le Noise" fühlt sich an, als ob man ihm bei diesem Prozess über die Schulter sehen dürfte. Hier kanalisierend einzugreifen, verbietet sich für einen Produzenten im Grunde.

Mag also sein, dass man Daniel Lanois Aufgabe in dieser Konstellation statt mit "Produzent" besser als "Begleiter" bezeichnen sollte. Dass er auch Ikonen lenken und herausragende Werke im Sinne des Wortes "produzieren" kann, weiß man seit seiner Arbeit für Bob Dylan ("Time Out Of Mind", "Oh Mercy") oder U2 ("Achtung Baby"). In diesem Fall lieferte er Young "nur" das Umfeld (sein eigenes Heimstudio) und seine Soundvorstellung, wobei für die Aufnahmen selbst Toningenieur Mark Howard verantwortlich zeichnet (damit sein Name auch mal genannt wird).

Fazit: "Le Noise" ist eine sehr gute Young-Platte mit hörenswerten Songs und Texten (herausragend auch "Love And War", "Peaceful Valley Boulevard"). Möglicherweise in dieser Form etwas zu spartanisch für eine Liveumsetzung. Vielleicht hebt Young nach kurzem Überlegen dann doch den Hörer ab. "Meinetwegen, Daniel," sagt er. "Aber dann hole ich mir die Jungs eben für die Bühne!"

Frank Bongers

CD: Neil Young - "Le Noise" (Reprise Records /Warner 9362-49618-6)

Neil Young im Internet: www.neilyoung.com

Daniel Lanois im Internet: www.daniellanois.com

Reprise Records im Internet: www.repriserecords.com

Cover: Adam CK Vollick

© jazzdimensions 2010
erschienen: 27.9.2010
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