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M83 - "Hurry Up, We're dreaming"

Ein passendes Symbol für künstlerische Exaltiertheit in der heutigen Zeit, so muss Anthony Gonzales gedacht haben, ist das Doppelalbum. Wie anders als mit diesem Format könnte man dem Zeitalter des Filedownloads und der zunehmenden Konsumbeschleunigung auch beim Hören von Musik etwas Substantielles entgegenhalten? Jedenfalls erscheint das neue Werk seines Projekts M83 gleich auf zwei substantiellen CDs. Nehmen wir also deren künstlerische Substanz unter die Lupe...

M83 - "Hurry Up, We're dreaming"

Ein Vorteil solchen Breitwandformats ist, dass es Raum bietet, um einen musikalischen Gedankengang langsam zu entwickeln. Entsprechend muss man sich als Hörer gedulden; 22 Songs brauchen ihre Zeit und wollen auch als Gesamtheit betrachtet werden. Die insgesamt 72 Minuten hätten zur Not auch auf eine einzelne Scheibe gepasst, weshalb man für die Trennung künstlerische Gründe annehmen muss. Zwei physische Tonträger lassen Vinylgefühle aufkommen (früher musste man Schallplatten umdrehen, erinnert sich jemand?) und ermöglichen zwei voneinander getrennte musikalische Statements.

Die erste CD setzt mit einem längeren Instrumental ein, passend als "Intro" betitelt. Die stilistische Marschrichtung zeigt zurück in die 80er und ist deutlich elektronisch geprägt. Gesungen wird ab Stück zwei und mit "Reunion", dem dritten Song, passieren wir ein erstes Highlight. Wer hier das Wort "Bombast" raunt, liegt nicht ganz falsch. Aber auch kontemplative Momente fehlen nicht, wie das Stück "Wait". Zwischen den "Vocal-Songs", um dies so zu bezeichnen, schaltet Gonzales oft kürzere Instrumentals als "Brückenstücke" ein, was ihm enorme stilistische Volten ermöglicht, die sonst sprunghaft wirken würden.

Die zweite CD trägt gleich mit dem ersten Stück, "My Tears Are Becoming A Sea", derartig dick auf und setzt anschließend immer noch eins drauf, sodass unweigerlich die Frage aufkommt: Muss das jetzt sein? (Antwort: Ja, es muss.) Kurz gesagt, Freunde kleinformatiger Popsongs kommen hier nicht auf ihre Kosten. Wer jedoch dreiste, musikalische Kolossalgemälde mag und im Kino bei majestätisch-langsamen Kameraschwenks dahinschmilzt, findet in Gonzales einen gleichgesinnten Freund.

Sich durch diese Musik hindurchzuwühlen, benötigt etwas Stehvermögen. Das Überwinden der eigenen antrainierten Ungeduld wird jedoch belohnt: Warum es beispielsweise Spaß macht, ein Frosch zu sein, erläutert "Raconte-Moi Une Histoire". Wer sagt, dass Musikhören nicht bildet! Darf's noch etwas mehr sein?

Frank Bongers

CD: M83 - "Hurry Up, We're dreaming" (Naive Records)

M83 im Internet: www.ilovem83.com

Naive Records im Internet: www.konnex-records.de

Cover: n.n.

© jazzdimensions 2011
erschienen: 19.11.2011
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